Politik : Angela Merkel soll Parteichefin werden. Aber das kann zu schnell zu viel sein (Kommentar)

Bernd Ulrich

Zwei Gruppen in der CDU wollen, dass Angela Merkel im April zur CDU-Vorsitzenden gewählt wird: ihre besten Freunde und ihre schärfsten Konkurrenten. Ihre Freunde gehen davon aus, dass mit der Frau aus dem Osten Glaubwürdigkeit zurückgewonnen und die Partei erneuert werden kann. Ihre Konkurrenten spekulieren darauf, dass eine Vorsitzende Angela Merkel binnen zwei Jahren verschlissen wäre und sie dann endlich selbst drankämen. Wer hat Recht?

Ihre Konkurrenten - nennen wir sie mal: Rühe, Müller, Wulff und Koch - haben sehr gewichtige Argumente auf ihrer Seite. Das erste und vielleicht beste Argument: sie selber. Wenn nicht diejenigen, die stark sind, die künftige Vorsitzende unterstützen, wird sie kaum eine Chance haben.

Das zweite, besonders schwergewichtige Argument der Baisse-Spekulanten heißt: Kohl. Er hat keinerlei Gestaltungsmacht mehr in der CDU. Doch für ein bisschen Zersetzung reicht es allemal, wie in der vergangenen Woche zu spüren war. Eine durch ihren Vorsitz herausgehobene Merkel wäre für ihn ein lohnendes, gut sichtbares Ziel.

Drittens steht der Partei, selbst wenn Angela Merkel in ihrer neuen Rolle über sich hinauswachsen sollte, kaum ein rasanter Wiederaufstieg bevor. Bei weiterkriechendem Affärengeruch, bei mäßigen Wahlergebnissen und einem ungeheuren finanziellen Druck könnten die unausweichlichen inhaltlichen Erneuerungsanstrengungen gewaltigen Stress erzeugen. Und Stress erzeugt Wut. Und Wut stürzt Vorsitzende.

Der "Stern" titelte jüngst: "Frau Merkel, übernehmen Sie!". Wenn die Baisse-Spekulanten sich nicht gewaltig irren, dann müsste es eher heißen: "Frau Merkel, übernehmen Sie sich nicht!" Und wenn die Merkel-Konkurrenten ihr nur zwei Jahre geben wollen, um Vorsitzende zu sein, weil sie selbst noch zwei Jahre brauchen, um Vorsitzende zu werden, dann bräuchte Angela Merkel jetzt jemanden, der Vorsitzender auf Abruf wäre, während sie Generalsekretärin bleibt.

Also ein Übergangskandidat mit folgenden Eigenschaften: Er müsste alt sein, in seinem Ehrgeiz biologisch begrenzt. Er müsste die Heilungsbedürfnisse der wunden Partei bedienen, die Kohl-Nostalgiker integrieren und die Reformer ermutigen. Er müsste nebenher aber auch intellektuell anregend sein, um die geistige Wende der CDU voranzutreiben. Dieser Kandidaten hieße: Kurt Vogel oder Bernhard Biedenkopf.

Noch verhexter wird das Modell Übergangskandidat durch eine weitere aus Merkels Sicht unabdingbare Eigenschaft: Der Mann muss stark genug sein, um Angriffe von Kohl und den Merkel-Konkurrenten abzuwehren. Aber er darf nicht so stark sein, dass er seine Generalsekretärin zudeckt und an weiterem Wachstum hindert. Zweifellos ein Zielkonflikt. Eine Strategie, die auf Merkels schonenden Aufstieg setzt, scheint nicht besonders realistisch zu sein. Kommt es darauf noch an? Merkel hat nicht mehr viel Zeit, um Nein zu sagen. Denn die Basis will sie, ein Teil der Medien ebenfalls und je länger man auf den Kandidaten Vogel schaut, desto fremder schaut es zurück. Wenn sie nicht sehr bald eine Kandidatur ausschließt, wird sie einen schweren Weg gehen - nach oben.

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