Angela Merkel sucht einen Partner : Damenwahl im Kanzleramt

Einen Schritt vor, zwei zurück: Gleich am Montagmorgen hat Angela Merkel auf der Suche nach einem Koalitionspartner zum Telefon gegriffen. Doch die SPD ziert sich. Und bei den Grünen ändert sich gerade alles.

von , und
Am Tag nach dem Triumph bei der Bundestagswahl: Angela Merkel am Montag bei der Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus.
Am Tag nach dem Triumph: Angela MerkelFoto: dpa

Manchmal werden auch die Mächtigen zu Gefangenen ihrer eigenen Spiele. Bei Angela Merkel war es am Montagfrüh so weit. Jeder weiß inzwischen, dass die Kanzlerin mit ihren Anzugjacken Farbsymbolik treibt. Merkel weiß, dass jeder das weiß. „Ich hab’ heute früh vor meinem Kleiderschrank gestanden und irgendwie gedacht: Rot geht nicht, knallgrün geht nicht. Blau war gestern. Was machst du?“ Das Ergebnis ist mittags im Konrad-Adenauer-Haus zu besichtigen: petrolgrün. „Etwas sehr Neutrales“, betont die CDU-Chefin.

Angela Merkel habe "einen ersten Kontakt" mit Sigmar Gabriel gehabt

Im Präsidium haben sie ihr Blumen überreicht, im Vorstand lachend gefeiert, im Foyer noch einmal minutenlang geklatscht. Für die haushohe Siegerin sind am Tag Eins nach der Bundestagswahl diese triumphalen Gesten eher lästig. Sie braucht jetzt zum Regieren einen Partner, also Fingerspitzengefühl. Einen ersten Kontakt, sagt Merkel, habe es gegeben, mit Sigmar Gabriel als dem Chef der größten Oppositionspartei. Andere Gespräche ausdrücklich nicht ausgeschlossen, aber Merkel achtet wie bei den Kleidern auf die Ordnung: Der Größere zuerst.

Der SPD-Mann bat um Aufschub bis nach dem SPD-Parteikonvent am Freitag. „Verständlicherweise“, sagt die Kanzlerin. Sie kann warten. Bis dahin wird einfach weiter regiert. Guido Westerwelle ist gerade nach New York geflogen zur UN-Sitzungswoche, ein Außenminister auf Abruf, doch bis dahin eisern weiter Deutschlands erster Diplomat.

Sigmar Gabriel braucht jetzt Fingerspitzengefühl für seine verwundete SPD

Bei Gabriel ist der Anruf der Kanzlerin übrigens nicht gleich angekommen. Gegen neun Uhr, berichtet er am Nachmittag nach der Sitzung des Parteivorstands im Willy-Brandt-Haus, habe Merkel versucht ihn zu erreichen. Erst zwei Stunden später hat es geklappt. Ob er sie absichtlich habe warten lassen, will einer wissen. Gabriel antwortet nicht mal.

Nach der Bundestagswahl
Ein Ergebnis zum Wegschauen. Claudia Roth zieht sich im Herbst vom Bundesvorstand zurück. Wie außerdem die SPD-Spitze mit den Annäherungsversuchen von Kanzlerin Angela Merkel umgeht, und was Philipp Rösler macht, das und mehr sehen Sie hier in unserer Fotostrecke.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: dpa
24.09.2013 09:34Ein Ergebnis zum Wegschauen. Claudia Roth zieht sich im Herbst vom Bundesvorstand zurück. Wie außerdem die SPD-Spitze mit den...

Auch für ihn ist keine Zeit für Spielchen. Auch er braucht jetzt Fingerspitzengefühl, vor allem für seine verwundete Partei. Darum: „Es gibt keinen Automatismus in Richtung großer Koalition.“ Darum: Die Entwicklung sei „absolut offen“. Erst mal sei Merkel am Zug. Auf die Formel hat sich der Vorstand geeinigt. Die Debatte war ernst, es gab, versichern Teilnehmer, keine Schuldzuweisungen. Nicht um Taktik, sondern um die Inhalte soll es gehen, versichert Gabriel: „Die SPD steht jetzt nicht Schlange oder bewirbt sich, nachdem Frau Merkel ihren jetzigen Koalitionspartner ruiniert hat.“

Kurioserweise gilt nach der Entscheidung über den Bundestag nun genau das, was die älteste deutsche Partei mit mäßigem Erfolg im Wahlkampf auf großen Plakaten versprochen hat: „Das Wir entscheidet.“ Das Wir, das sind konkret die gut 200 Mitglieder des Parteikonvents. Am Freitag sollen sie entscheiden, ob ihre Parteiführung zu Merkel gehen und mal sondieren darf. Von Forderungskatalogen und Vorbedingungen redet allerdings niemand mehr. Der Weg ist auch so schon schwierig genug. An der Basis ist der Wahlabend 2009 noch sehr präsent, als die SPD nach vier Jahren im Maschinenraum unter Merkel in den Abgrund stürzte.

Die SPD will das ungeliebte Bündnis eingehen

Aber was wären die Alternativen? Neuwahlen? Merkel würde noch stärker werden, und die FDP käme womöglich zurück. Zulassen, dass die Union die Grünen an die Brust zieht, den Koalitionspartner der Zukunft? Dann lieber das ungeliebte Bündnis eingehen und darauf setzen, dass die neun Ministerpräsidenten der SPD auch eine Macht darstellen. „Jeder, der mit uns regieren will“, sagt Vorstandsmitglied Hubertus Heil, „muss wissen, die SPD mit ihrer stolzen Geschichte und ihrer Stärke in den Ländern hat inhaltliche Vorstellungen.“ Und außerdem: Ewig – nein, ewig kann der Höhenflug dieser Merkel ja nicht anhalten. Solche Triumphe, raunt der Linken-Wortführer Ralf Stegner, hätten einen Vorzug: „Von da an geht’s bergab.“

Drüben im Adenauer-Haus wirkt solch ein Gedanke ziemlich verwegen. Für die Tiefenanalyse des Wahltags haben sie bei der CDU aber gerade sowieso keine Zeit, und wie man Merkel kennt, wird es dabei bleiben. Dabei gäbe es auch dort Grund darüber nachzudenken, ob nicht diese 41,5 Prozent in Wahrheit der zweitschlimmste Triumph aller Zeiten sind, direkt nach einer knappen absoluten Mehrheit. Schließlich dementiert diese Wahl die gängige These von der strukturell linken Republik. Merkel selbst referiert sehr richtig, dass Union und FDP im Bundestag jetzt stärker wären als bisher.

Das legt eigentlich den Schluss nahe, dass die CDU-Kampagne gegen die FDP- Zweitstimmenkampagne ein Fehler gewesen sein könnte. Aber niemand mag darüber nachdenken, ob Merkel sich vielleicht selbst nicht genug zugetraut hat, sondern sich vom Desaster der Niedersachsen-CDU hat bange machen lassen.

Kaum einer weint der FDP hinterher

Andererseits: Kaum einer weint den Freidemokraten nach. Selbst der Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs, politisch, geographisch und persönlich dem Rheinland-Pfälzer Rainer Brüderle nahe, stellt sich auf die Realitäten ein: Ein Wahlergebnis, „das kann man sich nicht aussuchen“. Die offizielle Trauer wahrt knapp die Form. Merkel dankt kurz: „Wir haben erfolgreich zusammengearbeitet.“

Mit wem sie demnächst am liebsten erfolgreich zusammenarbeitet – die Chefin hat es nicht offen ausgesprochen. Der seit Sonntagabend ständig wiederholte Satz „Deutschland braucht eine stabile Regierung“ lässt allerdings gewisse Rückschlüsse zu. Dass die CDU-Chefin im Parteipräsidium noch einmal auf die Rolle des Bundesrates hingewiesen hat, deutet in die gleiche Richtung. Gegen die schwarz-grüne Partnerschaft auf Bundesebene spricht – sieht man mal von den Verletzungen des Wahlkampfs ab – eben vor allem ein strukturelles Argument. Bei den absehbaren Großprojekten der nächsten Jahre – Euro-Rettung Teil Zwei, Energiewende, Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen – müssen Union und SPD, Bundestag und Bundesrat ohnehin zusammenarbeiten.

Horst Seehofer findet eine große Koalition übrigens auch „naheliegend“. Sie liegt vor allem ihm nahe. Die SPD ist für seine CSU auf absehbare Zeit keine Gefahr mehr. Die Grünen hingegen sind gerade perspektivisch in halb Bayern auf dem Weg zur zweiten Volkspartei; sie in Berlin an den Kabinettstisch zu holen würde seine christsoziale Nächstenliebe ziemlich strapazieren.

Ist schwarz-grün noch ein Tabu?

Andere sehen das Thema entspannter. Die CDU in Baden-Württemberg hat mit mehr als zwölf Prozent so stark zugelegt wie niemand sonst. Landeschef Thomas Strobl strahlt schon am Wahlabend wie frisch lackiert. Im Präsidium plädiert der Parteivize dafür, auch mit den Grünen sehr ernsthaft zu reden. NRW-Chef Armin Laschet unterstützt ihn, ebenso Wolfgang Schäuble: Die CDU müsse „offen bleiben“ für Bündnisse. Schwarz-Grün ist im Südwesten schon lange kein Tabu mehr. Perspektivisch sind die Grünen für Strobls CDU keine Konkurrenz, sondern wünschenswerter Partner.

Merkel wird also, so hat es die CDU- Spitze einmütig beschlossen, mit beiden Oppositionsparteien reden, ernsthaft und nicht bloß zum Schein. Wobei der erste Kontakt zu den Grünen noch auf sich warten lassen dürfte: „Im Moment wissen wir ja nicht mal, wen wir da anrufen könnten“, sagt ein Christdemokrat.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

36 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben