Angela Merkel und Baschar al Assad : Wer mit dem Teufel spricht

Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier treffen Machthaber in Riad und Teheran. Folgt bald auch Baschar Al Assad? Ein Kommentar.

Peter von Becker
Syriens Präsident Baschar al Assad (links) und Russlands Präsident Wladimir Putin am 20. Oktober 2015 im Kreml.
Syriens Präsident Baschar al Assad (links) und Russlands Präsident Wladimir Putin am 20. Oktober 2015 im Kreml.Foto: REUTERS

Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt“, hat Mark Twain einmal gemeint. Womöglich hatte der kluge, weitgereiste Autor ja recht, wenn wir den Zustand der Welt betrachten. Aber das hilft uns in der aktuellen Verrückung nun auch nicht weiter. Verrückung bedeutet übrigens noch nicht zwingend Verrücktheit, ist aber für den Zustand der Welt und des Weltbetrachters der zunächst vielleicht passendere Ausdruck.
Tatsächlich scheint es, als habe sich die Umdrehung des Planeten und der menschlichen, unmenschlichen Verhältnisse wider alle Vernunft beschleunigt. Als hätten die grundstürzenden Umwälzungen in Politik, Technik, Wissenschaften und selbst beim Fußball noch einen Zacken zugelegt. Was vor 25 Jahren so alles nach dem Mauerfall geschah, das wirkt für manche in der Erinnerung mittlerweile fast schon beschaulich. Oder zumindest folgerichtig. Eben: richtig. Verglichen mit den neuen Kriegen und Krisen, die sich jetzt auch in einer Völkerwanderung nach Europa entladen.

In Europa zeigt sich der blanke Egoismus

Verrückt denkt man, dass sich die Europäische Union angesichts dieser Herausforderung nicht auf ihre eigentlich gemeinsamen Ideale, Werte, Voraussetzungen besinnt und wenigstens ein Mindestmaß an Solidarität untereinander übt. Plötzlich gibt es hier, nicht nur beim Willkommen, einen Krieg der Kulturen. Viel stärker als der zwischen teutonischen oder mediterranen Finanzbegriffen. Und es regiert in einigen EU-Staaten, die keine oder fast keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, der blanke Egoismus. Egoismus eines Teils der Bevölkerung und der auf ihre (Wieder-)Wahl hoffenden Politiker, die statt Politiker nur noch Populisten sind. Die Botschaft dieses Sommers und Frühherbstes lautet so: Europas Union zerfällt, kaum dass es um Menschen- und nicht nur um Geldströme geht. Zerfällt in Nationalstaaten, die sich gegebenenfalls über Menschenrechte und EU-Normen oder Mehrheitsentscheide hinwegsetzen.

Merkel, eben noch schier übermächtig, ist ohnmächtig

Angela Merkel, die wohlmeinende, eben noch schier übermächtig erscheinende Bundeskanzlerin, wird so in praktische Ohnmacht gestürzt. Und über Europa hinaus klagt die UN. Sie zählt mit fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht derzeit die höchste Zahl seit Gründung des UN-Flüchtlingshilfswerks im Jahr 1951. Doch die meisten Staaten der vermeintlichen Weltgemeinschaft haben ausgerechnet im Jahr der höchsten Not ihre völkerrechtlich verpflichtenden Zahlungen an das Flüchtlingshilfswerk noch gar nicht oder nur mangelhaft geleistet. Nicht allein in den von der UN im Nahen Osten betreuten Camps der Opfer des Syrien-Krieges fehlt es in der einbrechenden Kälte an Essen, Heizung, Kleidung und Medikamenten.

Nun sahen wir letzte Woche diese Bilder: Zwei Männer reichen sich lächelnd die Hände. Der eine pyknisch untersetzt, breitschultrig und die Lippen so dünn wie die Haare. Der andere ein Schmalhans, überlanger Hals, das Lächeln spitz, bübisch und bemüht. Es fällt schwer, wie immer bei Bildern von Baschar al Assad, sich statt des in Großbritannien ausgebildeten Augenarztes den Despoten vorzustellen, der sein eigenes Volk foltern, verbrennen, erschießen lässt. Gegenüber seinem Handshaker Putin wirkt Assad äußerlich wie ein Biedermann.
Putin schickt Assad neue Bomber – das eigene russische Machtspiel mit dem geschundenen Syrien. Aus deutscher, aus westlicher Sicht ist das Problem freilich: dass die Kanzlerin in der Türkei und Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei dessen Besuchen in Teheran und Saudi-Arabien auch keine Demokraten-Hände geschüttelt und im Falle von Riad und Teheran gleichfalls mit Diktatoren verhandelt haben. Alle haben sie in Syrien beim Krieg die blutigen Hände mit im Spiel, und in dem ganzen Irrsinn, der das Morden, Leiden und die Massenflucht nicht enden lässt, sitzt der Schlächter Assad noch immer am entscheidenden Hebel. Sein lange erwarteter Sturz ist nicht in Sicht, und sein Regime erscheint als die Cholera, die manche der schwarzen Pest des IS vorziehen würden.

Man muss den Teufel mit ins Spiel nehmen

Das ist das Dilemma. Die Tragödie. Also auch mit Assad, wenn man ihn denn nicht stürzen kann, verhandeln, ihn nicht nur Putin überlassen? Angesichts des Grauens muss es wohl mit dem Teufel zugehen. Man muss ihn mit ins (ernste) Spiel nehmen. Damit es je endet. Das wussten schon Gott und Goethe. Verrückt? „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren“, sagt der Aufklärer Lessing in seiner „Emilia Galotti“ – durch den Mund einer klugen Frau.

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