Politik : Angelika Beer Attentat: Viele Bilder, wenig Spuren: Wer verletzte die Grünen Politikerin?

Holger Stark

Immerhin. Eine Entschuldigung. Aber nicht von dem Täter, sondern von der Boulevardpresse. Eine kleine Genugtuung. "Entsetzt" sei sie über das Verhalten der Medien in Berlin, sagte Angelika Beer dem "Spiegel". Denn am Tag nach dem Überfall, wahrscheinlich mit einem Messer, auf die grüne Bundestagsabgeordnete Angelika Beer hatten die Medien DIN-A-4-große Bilder vom Tatort verbreitet und, bequemerweise, die Adresse gleich mitgeliefert. Da also wohnt die Beer. In jener kleinen Straße in Mitte in einem schick sanierten Haus, dessen Eingang Dienstagnacht in warmes Gelblicht getaucht ist. "Die BZ entschuldigt sich dafür", bat Franz-Josef Wagners Boulevardblatt gestern um Verzeihung. Beer, ohnehin unter Schock, half das wenig: "Ja, wo leben wir denn?" Im neuen Berlin. Willkommen in der Hauptstadt.

So viel ist sicher: Der Fall Beer markiert, unabhängig von der Frage nach Täter und Motiv, einen Einschnitt im noch wenig erprobten Verhältnis der Regierung zu ihrem neuen Standort. Da ist zum einen die Gefährdungssituation, die an der Spree anders zu bewerten ist als im beschaulichen Bonn. "Vielleicht", hat Angelika Beer gesagt, "habe ich mich in Berlin zu sicher gefühlt." Und da sind die Medien, mit einem guten Dutzend Tageszeitungen, der doppelten Zahl an Radiostationen, den Hauptstadtstudios und ihrem Konkurrenzkampf. Gleich die ersten drei Seiten widmeten "Kurier" und "BZ" dem Überfall auf Angelika Beer am Donnerstag: Angelika Beer unter Schock. Angelika Beer mit Bodyguards. Angelika Beer als Fußballspielerin. Angelika Beer mit Zwanzig. So viel Aufmerksamkeit genoss die grüne Verteidigungspolitikerin selbst in den turbulenten Zeiten des Kosovokrieges nicht.

Dabei ist kaum ein Fall so unklar wie dieser. Es war gegen 0 Uhr 30, als Frau Beer am Dienstagabend nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam. Ihr Chauffeur hatte sie unweit ihres Hauses abgesetzt und sich verabschiedet. Beer wohnt in einem kleinen Appartement in einem jener Hofkomplexe, wie sie in Mitte zwischen den Hackeschen Höfen und dem Rosenthaler Platz zu Dutzenden saniert und gerne von Bundestagsabgeordneten bezogen wurden.

Das Eingangstor ist auch nach Mitternacht offen. In den Durchfahrten seines Hofkomplexes hat der Vermieter Bewegungsmelder installiert, um ungebetenen Besuch zu vertreiben. Angelika Beer geht durch den ersten Hof in den zweiten, als von hinten ein Unbekannter an sie herantritt. Ein Mann? Eine Frau? Beer kann nichts erkennen in dieser Nacht. Aber sie fühlt, wie von hinten ein Arm um sie herum gelegt wird, wie eine, vermutlich behandschuhte Hand ihren Mund zum Schweigen bringt.

Ihr Rucksack. Gott sei Dank. Er verhindert, dass der Täter hautnah an sie herankommt. Beer dreht sich aus der Umklammerung, da sticht der Unbekannte auf sie ein und trifft sie zwei Mal am linken Arm. Beer flüchtet in ihre Wohnung, lässt die Wunden später in der Charité nähen. Bis heute sind sich die Ermittler nicht einmal sicher, ob die Tatwaffe tatsächlich ein Messer ist. Die Ermittlungen übernimmt das Bundeskriminalamt.

Auch drei Tage nach dem Überfall tappen die Fahnder im Dunklen. Natürlich, da waren die Bedrohungen aus der autonomen Szene, als Beer den Kosovo-Krieg unterstützte. Aber der Ablauf ist völlig atypisch: Weder ein wortloser Überfall noch ein Angriff mit dem Messer entsprechen der autonomen Szene. Die Ermittler fanden keine Flugblätter; in den einschlägigen Publikationen spielte Beer in den vergangenen Wochen keine Rolle. Insider halten deshalb einen Überfall von links für unwahrscheinlich. Aber auch für eine Neonazi-Attacke gibt es keine Indizien. Ein Raubüberfall? Ein Sexualdelikt? Anzeichen dafür fehlen. Der Täter hat weder versucht, ihre Geldbörse zu entwenden, noch sie einschlägig berührt. Der Fall, sagt ein Ermittler, sei ihm "völlig rätselhaft".

Trotz fehlender Spuren hat der Überfall Politiker und Medien aufgeschreckt. Es ist das erste Mal seit Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble, dass eine Abgeordnete mit einer Waffe angegriffen wurde. Der Fall Beer wird Auswirkungen haben auf das Verhalten der Politiker und ihr Verhältnis zu den Medien. Ein Teil jener Leichtigkeit, mit der die Bonner das neue Berlin genossen haben, wird Vorsicht weichen. Der FDP-Sicherheitsbeauftragte Jörg van Essen empfiehlt allen Abgeordneten, ihre Wohnung besonders schützen zu lassen. Berlins Innensenator Eckart Werthebach preist seine Schusswaffenausbildung. Und Angelika Beer hat vorerst eingewilligt, ihr Leben rund um die Uhr mit Leibwächtern zu teilen.

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