Politik : Angriff auf Amerikas Stellvertreter

Der Anschlag in Bagdad traf auch den irakischen Regierungsrat – deren Mitglieder gelten bei Radikalen als Kollaborateure

Andrea Nüsse

Die gewaltige Explosion der Autobombe ließ am Sonntag die Bagdader Innenstadt erzittern. Eine schwarze Rauchsäule stieg in die Luft, Sirenen von Rettungsfahrzeugen heulten auf, Hubschrauber der US-Armee waren kurze Zeit später in der Luft. Autos gingen in Flammen auf, Fenster zersprangen im weiten Umkreis und geschockte Passanten hasteten mit leichten Verletzungen durch die angrenzenden Straßen. Teile des Hotels „Bagdad“ stürzten ein.

Der Anschlag auf das Hotel wäre noch furchtbarer gewesen, wenn nicht in den letzten Wochen Betonsperrwände vor dem Hotel aufgestellt worden wären. Der Attentäter konnte daher nur die erste von mehreren Absperrungen überwinden. Strategisch wichtige Gebäude in ganz Bagdad werden seit dem verheerenden Anschlag auf das UN- Hauptquartier am 19. August mit 23 Toten, unter ihnen der UN-Sondergesandte Sergio Vieira de Mello, zunehmend zu regelrechten Festungen ausgebaut.

Im „Bagdad“ wohnen auch Mitglieder des provisorischen Regierungsrates, jenes von US-Verwalter Paul Bremer eingesetzten Gremiums, das nicht viel zu sagen hat, aber der US-Besatzung ein „irakisches Gesicht“ geben soll. In den Augen der militanten Gegner der Besatzung sind die Ratsmitglieder „Kollaborateure“ des Feindes. Zudem sollen auch CIA-Mitarbeiter in dem Hotel wohnen.

Das Attentat erfolgte nur wenige Tage, nachdem die Rolle der amerikanischen Ziviladministration im Irak wieder einmal sehr kontrovers debattiert wurde. Anlass war der amerikanische Wunsch, türkische Truppen zur Unterstützung der US-Armee ins Land zu holen, dem das türkische Parlament letzte Woche zugestimmt hatte. Der provisorische irakische Regierungsrat, der von den Amerikanern eingesetzt wurde, hatte sich bereits zuvor gegen jede Entsendung von Truppen aus Nachbarstaaten in den Irak ausgesprochen. Da die Türken ihre eigenen Interessen in Nordirak verfolgten, fürchtet man eine Einmischung in interne Angelegenheiten. Ratsmitglied Adnan Pachachi hatte diese Position nach der Entscheidung des türkischen Parlaments noch einmal formuliert.

Damit ist der irakische Regierungsrat erstmals in aller Öffentlichkeit in Opposition zur US-Zivilverwaltung gegangen. Da die Amerikaner die Bedenken der Iraker in einer so wichtigen Frage jedoch nicht beachtet haben, ist die Legitimität des Gremiums weiter beschädigt worden. So ist es vielleicht kein Zufall, dass der junge schiitische Kleriker Moqtadar as-Sadr nur wenige Tage später die Gründung eines „Schattenkabinetts“ verkündet hat, das er als wahre Vertretung der Iraker betrachtet. (mit dpa)

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