Politik : Angriff ist die beste Verteidigung - die Moskauer Presse lobt ihren Präsidenten

Elke Windisch

Selten waren Russlands Medien mit ihrem Staatschef so zufrieden, wie nach dem OSZE-Gipfel. Durch seinen Auftritt in Istanbul erreichte Boris Jelzin zu Hause eine ähnlich hohe Zustimmung, wie nach seiner Panzerrede vor dem Weißen Haus beim Augustputsch 1991. Bewirkt hat das Wunder ein einziger Satz des russischen Präsidenten: "Sie haben kein Recht, Russland wegen Tschetschenien zu kritisieren." Angriff sei die beste Verteidigung, befand die "Neue Iswestija" und lobte, dass Jelzin seinen Partnern erst gar nicht die Möglichkeit gab, Moskau an die Wand zu spielen und Unverhältnismäßigkeit im Kampf gegen den Terrorismus vorzuwerfen. "Wir führten den ersten Schlag. Der Angriff des Feindes wurde abgeschlagen, die Gegner sind zerstreut." Der Westen habe "ein weiteres Mal unter Beweis gestellt, dass er keine effektiven Mittel hat, um auf Russland Druck auszuüben". Zu möglichen Sanktionen sei in der OSZE niemand bereit, urteilt das Blatt hämisch. "Der Krieg in Tschetschenien geht weiter. Boris und Bill sind sich zwar einig, dass sie sich nicht einig sind, bleiben aber dennoch Freunde."

Eben diese Männerfreundschaft, mutmaßt die Zeitung "Sewodnja", habe dazu geführt, dass der Kremlherrscher mit einem blauen Auge davon kam: "Die Tschetschenien-Diskussion wurde von zwei scheidenden Präsidenten und damit von zwei lahmen Enten dominiert, von denen jeder die Freundschaft gegenüber seinem Vis-à-vis für das bedeutendste Ergebnis der eigenen Außenpolitik hält."

"Russland hinterließ auf dem Gipfel den Eindruck eines geschwächten Bären, hinter dem eine Rotte Jagdhunde her ist. Jelzin hat Flagge gezeigt, sein Pulver verschossen und ist abgereist", meint das Massenblatt "Moskowskij Komsomolez" (MK). Wenn Zar Boris sein wichtigstes Ziel dennoch erreichte, hat er dies nach Meinung des Blattes vor allem Clintons Beistand zu verdanken. Dass der Westen dem Kreml nicht den türkischen Marsch blasen konnte, liegt laut MK aber ebenso an der Geschäftsordnung der OSZE, die Beschlüsse nur einstimmig fassen kann. "Die Alternative lautete daher softe Charta oder offener Skandal", schreibt das Blatt weiter.

Russland und der Westen hätten in Istanbul aneinander vorbeigeredet, klagt indessen die "Nesawissimaja Gaseta", die Jelzin-Intimus und Multimilliardär Boris Beresowski gehört: "Der Dialog von Istanbul erinnerte an die Kommunikation zwischen einem Blinden und einem Tauben." Der Westen sehe nicht, was in Tschetschenien tatsächlich vor sich geht, Russland aber höre nicht auf humanitäre Bedenken Europas.

Die gewöhnlich sehr kritische Zeitung "Iswestija" sieht den Gipfel bereits als Vorboten einer neuen Eiszeit im Ost-West-Verhältnis: "Es ist Herbst geworden. Bald kommen die ersten Bodenfröste und dann die große Kälte. Vor unseren Augen vollziehen sich Entwicklungen, die Russland und den Westen um 15 Jahre zurückwerfen könnten. Nie zuvor seit dem Fall der Berliner Mauer waren wir so weit voneinander entfernt, wie in Istanbul."

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