Er will vorbereitet sein auf die Neuankömmlinge

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Angriffe auf Politiker : Die Hasswelle rollt durch Deutschland

Welcher Kummer? Stahl erzählt erst von der Arbeitsbelastung eines ehren-, dann des hauptamtlichen Bürgermeisters. Dann sagt er etwas Erhellendes: Er beschreibt die Familienerfahrungen mit potenziellen Bedrohungen, die sind nicht neu, die hat es gegeben – aber bitte, die seien nichts für die Öffentlichkeit. Man habe damit umzugehen gelernt. Was solle man denn machen? Weitermachen!

Stahl blättert weiter durch die Aktenmappen. Eine NPD-Stadtverordnete schreibt: „Gibt es weitere Pläne, in Bernau Asylbewerber unterzubringen?“ Eine kopierte Lokalzeitungsseite rekapituliert den mittlerweile aufgeklärten Morddrohungsfall: „Schneller Fahndungserfolg“ – ein 33 Jahre alter Bernauer, auf den die Polizei durch die Aussage einer Frau aufmerksam geworden war, hatte sich gestellt und gestanden. Der Verein Opferperspektive beklagt die „Ungleichbehandlung von Flüchtlingen bei der Sparkasse“, Asylbewerber hätten dort kein Konto einrichten können. Auch das ist geklärt, Stahl sagt: „Die Leute haben keine Legitimationsdokumente vorgelegt oder vorlegen wollen.“

Er hat eine Theorie. In seinen Lokalpolitikerjahren habe er gelernt, dass die Menschen sich vor allem dann an den Regierenden reiben, wenn sie persönlich betroffen seien. Wenn die Straße vorm Haus gemacht wird zum Beispiel, und die Anwohner sich an den Kosten dafür beteiligen müssen. „In der Kommunalpolitik machen Sie für zehn Leute etwas Gutes, aber zwei anderen treten Sie damit vors Schienbein“, sagt er. Die zehn würden das schnell vergessen, die zwei aber merkten sich das.

250 Flüchtlinge sollen es sein

Stahl hat seine Schlüsse daraus gezogen. Das gilt jetzt vor allem für das Flüchtlingsthema. Er will vorbereitet sein auf die Neuankömmlinge, von denen er bislang nichts weiß außer ihrer Zahl. 250 sollen es sein. Ankunft: wohl Mitte November. Darüber hinaus weiß er noch dies: Es sollte auch danach möglichst alles glattgehen. „Ich hoffe, dass wir das erste halbe Jahr mit den Flüchtlingen ohne Vorfälle hinter uns bringen“, sagt er. „Und dann ist es Normalität.“ Und dann fährt er los, ins zukünftige Heim.

Dort fällt sein Blick schon wieder auf eine mit Worten beschriebene Wand. Rote Buchstaben auf weißer Raufaser, sie tauchen bei seinem Gang durch einen Hausflur auf, direkt vor seinen Augen. Er läuft darauf zu.

„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen“, steht da. Ein Dichterwort, eine Binsenweisheit, die sehr verbreitet ist derzeit in Deutschland. In renovierten Gasthäusern kann man sie lesen, Malerfirmen bieten ihren Kunden an, den Satz auf deren Wohnzimmerwände zu schreiben. Ein Online-Shop, der die entsprechenden Schablonen dazu verkauft, listet sie unter seine am meisten nachgefragten Artikel. Von der Wand spricht das gute Deutschland, und vielleicht ist es sogar in der Mehrheit.

Ist die Eingangstür sicher?

Stahl schaut nur einmal kurz auf, eine Hand in der Hosentasche, die andere wedelt in der Luft, während er sich von einem ortskundigen Techniker durch diesen Flur führen lässt und mit ihm über Rauchmelder spricht. Die Rauchmelder kleben oben an der Decke, gerade erst angebaut sind sie, erfährt Stahl, schön sei das, sagt er. Die Waschmaschinen- und Herdanschlüsse sind fertig, am nächsten Tag soll der Strom kommen. Das mache ihn zuversichtlich, sagt Stahl, dann könnten ja auch bald die Menschen folgen.

Wie das gleich noch mal mit den Duschen sei, geht es da auch voran? Mit der Eingangstür, ist die jetzt sicher, fragt er, vor Unbefugten von außen?

Ihn interessieren Hygienefragen und Fragen nach der Sicherheit der zukünftigen Bewohner. Er hat am Vormittag bei einem Gespräch seiner Bauamtsleiterin aufgetragen, Gehweglampen zu installieren, zwischen dem abgelegenen Heim und der Innenstadt, wenn nötig gerne provisorisch. Er wolle nur nicht, dass an der dunklen Autoschnellstraße jemand verunfalle.

37 000 Bernauer Einwohner mal 250 Flüchtlinge, das macht mehr als neun Millionen potenzielle Begegnungen zwischen Menschen, neun Millionen Momente, die das Leben lebenswerter machen. Wenn davon nur eine unerfreulich ausfällt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich wieder etwas entladen könnte in Bernau.

Stahl ist guter Dinge, zur Morddrohung sagt er mittlerweile: Er habe „jetzt nicht das Gefühl, da jetzt einer Bedrohung ausgesetzt zu sein. Unterm Strich ist es nur ’ne Schmiererei.“ Was aber nichts daran ändert, dass sich jemand dazu bemüßigt sah.

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