Politik : Angst im Spiel

Nach den Anschlägen in Bulgarien soll Israel den Schutz für Olympia-Sportler in London verstärkt haben. Der Bürgermeister versucht zu beruhigen.

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London - Die englische Hauptstadt ist für die Olympischen Spiele bestens gerüstet. Darauf beharrt Londons Bürgermeister Boris Johnson – und wischt Befürchtungen wegen des Streiks der Grenzbeamten und neuen Warnungen vor Terroranschlägen beiseite. „Keine Sorge, unsere Stadt ist so gut vorbereitet wie keine andere in der Geschichte“, versicherte er in mehreren Fernsehinterviews. Es gebe etwas „Lampenfieber“, aber „es ist ganz normal, wenn die Menschen nervös sind und eine ganze Menge klappen muss“.

Hintergrund der Beschwichtigungen ist zum einen, dass viele Zollbeamte am Donnerstag streiken wollen – dem Tag vor der Eröffnung der Spiele, wenn sich Schätzungen zufolge allein am Flughafen Heathrow die Zahl der einreisenden Passagiere um 45 Prozent erhöht. Doch Johnson ist zuversichtlich, dass die Folgen des Streiks beherrschbar sind. Schon vor Wochen sei angesichts chronischer Personalengpässe Ersatzpersonal geschult worden, darunter Hunderte von Beamten aus Ministerien, die nun als Streikbrecher eingesetzt werden. Und die meisten Zollbeamten „werden die Spiele unterstützen und zur Arbeit erscheinen“, sagte er.

Der zweite Grund für Johnsons Entspannungsübungen ist ein Bericht der „Sunday Times“, wonach eine iranische Terrorzelle in Europa Anschläge auf israelische Ziele während der Spiele plant – nach dem Muster von München 1972. Der Terroranschlag auf israelische Touristen im bulgarischen Burgas vergangene Woche sei die Generalprobe gewesen. Die britischen Geheimdienste MI5 und Scotland Yard hätten ihre Risikoeinschätzung für das israelische Team entsprechend angepasst.

Ein Sprecher des israelischen Verteidigungsministeriums widersprach zwar der Behauptung der Zeitung, die Geheimdienste Shin Bet und Mossad hätten Teams nach Europa und London geschickt, um die Terrorzelle „zu jagen“, mit der Begründung: „So funktionieren Geheimdienste nicht.“ Ein hartes Dementi klingt anders. Und die „Sunday Times“ beruft sich auf israelische Sicherheitskreise sowie die jüdische Gemeinde in London. Die iranisch gesponserten Hisbollah und die Quds-Brigaden hätten nach dem Beispiel von Al Qaida europäische Islam-Konvertiten rekrutiert, die leicht unerkannt operieren können. Namentlich wurde ein David Jefferson, Inhaber eines US-Passes, genannt, der nach dem Anschlag in Bulgarien geflohen sei und einen ähnlichen Sprengsatz besitze. Dazu kommt, dass bulgarische Ärzte nach der Autopsie der Leiche des Selbstmordattentäters inzwischen davon ausgehen, dass dieser einen Komplizen hatte, der anders als der Getötete „wie ein Araber“ aussehe.

London versucht, die Sicherheitsvorkehrungen diskret zu halten und den Eindruck von Spielen unter dem Schutz von Maschinenpistolen und Soldaten zu vermeiden. Aber solche Sicherheitsvorkehrungen hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Rund 7000 private Sicherheitskräfte werden bei den Spielen im Einsatz sein. Sie werden durch ein auf mehr als 17 000 Mann verstärktes Truppenkontingent ergänzt, befehligt wird die Operation von der Polizei, die dafür 12 500 Beamte abgestellt hat. Kern der Sicherheitsoperation ist das Olympiastadion selbst. Der „Sunday Times“ zufolge werden auf den Dächern und in Lichtmasten Scharfschützen stationiert sein. Unter dem Stadion gebe es „Panikräume“ zum Schutz von „Vips und Zuschauern“. Der Verband der britischen Sicherheitsindustrie erwartet 50 000 Vips in London, doppelt so viele wie in Peking, darunter 140 Staatsoberhäupter, von denen die meisten eigene Leibwächter mitbringen.

Unter den britischen Geheimwaffen ist neben den legendären Elitetruppen SAS und SBS auch eine bisher unbekannte Sondereinheit des „Special Reconnaissance Regiment“, die nur aus Frauen besteht. Die Einheit soll schon im Jemen, dem Nahen Osten, Afghanistan und bei der Befreiung der britischen Geisel Judith Tebbutt in Somalia im Einsatz gewesen sein. Matthias Thibaut

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