Politik : Angst um die Kinder

Hilfsorganisationen fürchten professionelle Menschenhändler in der Region

Ruth Ciesinger,Frank Jansen

Berlin - An den malaysischen Sitz des UN-Kinderhilfswerks Unicef wurde vor zwei Tagen eine SMS weitergeleitet, in der 300 Kinder zum Kauf angeboten werden. Über das Schicksal dieser Kinder und den Wahrheitsgehalt der Botschaft gibt es keine genauen Informationen. Doch professionelle Menschenhändlerringe sind in der Region um Thailand und Indonesien seit Jahren aktiv, sagt Christian Schneider von Unicef. Nachdem das Seebeben vermutlich tausende Kinder zu Vollwaisen gemacht hat, sind diese jetzt besonders gefährdet.

Unicef-Mitarbeiter berichten von Jungen und Mädchen, denen der Schock buchstäblich die Stimme geraubt hat. Sie kauern am Strand und starren aufs Meer, als ob von dort ihre Eltern zurückkämen, sagt Schneider. Damit diese Kinder keinen Banden in die Hände fallen, richtet Unicef gemeinsam mit indonesischen Behörden und Nichtregierungsorganisationen in Häfen und größeren Städten Auffangstellen ein, wo versucht wird, ihre Verwandten zu ermitteln.

Trotzdem ist die Angst um die traumatisierten Kinder groß. Menschenhändler verschachern oft Jungen und Mädchen an Bordelle oder als Haushaltshilfen bis nach Europa, oder sie verkaufen sie an Paare, die kein eigenes Kind bekommen können. Vor einer solchen Adoption warnen die Hilfsorganisationen jetzt besonders. Selbst wenn sie gut gemeint ist, ist sie für ein Kind, das die Katastrophe überlebt hat, nur eine Strapaze. Denn zu dem Verlust der Eltern käme der Schock einer neuen Kultur, neuen Sprache und völlig fremder Menschen. Indonesien hat jetzt ein Adoptionsverbot für Aceh erlassen, Kinder unter 16 dürfen die Region zudem nicht ohne ihre Eltern verlassen.

Was Deutschland betrifft, haben die Hilfsorganisationen sowie die deutschen Sicherheitsbehörden allerdings keine Informationen über Kinderhandel. „Wir sind wachsam, aber es gibt bislang keinen Fall mit einem Bezug zur Bundesrepublik“, sagte ein Sprecher des Bundeskriminalamts. Er verwies aber auf die großen Probleme festzustellen, wie viele Kinder und Erwachsene aus Deutschland in der Katastrophenregion vermisst werden. Deshalb sei es auch noch nicht möglich, den Anteil der Kinder unter den vermissten Bundesbürgern zu beziffern oder auch nur zu schätzen.

In Deutschland ist Kinderhandel in den vergangenen Jahren laut BKA bislang nur in Einzelfällen bekannt geworden. Die Behörde ging außerdem vor zwei Jahren dem Verdacht nach, in Albanien seien Kinder entführt worden, um ihnen Organe zu entnehmen. Die vermuteten Fälle hätten aber nicht aufgeklärt werden können, da die örtlichen Behörden keine der Anfragen beantworteten.

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