Politik : Angst vor der Atombombe

Harald Maass

George W. Bushs Worte waren ungewöhnlich scharf. In seiner Rede zur Lage der Nation am Dienstag warf der amerikanische Präsident dem stalinistischen Regime in Pjöngjang vor, den internationalen Terrorismus zu unterstützen und an einem Nuklearwaffenprogramm zu arbeiten. "Nordkorea ist ein Regime, das sich mit Raketen und Massenvernichtungswaffen rüstet, während die Bevölkerung verhungert", sagte Bush.

Nach dem militärischen Sieg in Afghanistan will Bush nun offensichtlich den Druck auf andere potenzielle Terroristenregimes erhöhen. Seit seinem Amtsantritt setzt Bush auf eine harte Linie gegenüber Pjöngjang. Die diplomatische Annäherung der Clinton-Regierung, die bis zuletzt einen möglichen Präsidentenbesuch in Pjöngjang erwog, wurde eingefroren. Man müsse erst einmal abwarten, ob den Nordkoreanern "zu trauen" sei, erklärte Bush.

Pjöngjang steht im Weißen Haus schon seit langem auf der Liste der Verdächtigen. In den 80er Jahren war das Regime in eine Reihe von Terroranschlägen verwickelt oder war dafür verantwortlich. In Burma ermordeten nordkoreanische Agenten 1983 mehrere hochrangige südkoreanische Politiker. 1987 starben bei einem Bombenanschlag auf ein südkoreanisches Passagierflugzeug 115 Menschen. Drahtzieher der Anschläge soll der heutige Staatschef Kim Jong Il persönlich gewesen sein. Allerdings räumen auch die USA ein, dass Pjöngjang seitdem keine Terroristen mehr unterstützt. Nach dem 11. September reihte sich Nordkorea in die Reihe der Staaten ein, die mit einer UN-Resolution die Terrorangriffe verurteilten.

Für Besorgnis sorgt in den USA Pjöngjangs Nuklearprogramm. In geheimen Anlagen soll das Regime an einer Atombombe basteln. 1993 kündigte Nordkorea seine Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomaufsichtsbehörde IAEA auf. Dennoch schlossen Washington und Pjöngjang 1994 ein Abkommen: Nordkorea wollte sein Nuklearprogramm stoppen. Die USA erklärten sich im Gegenzug bereit, Nordkorea mit Erdöl zu versorgen und zwei Atomkraftwerke zu finanzieren. Der Kompromiss hielt aber nicht lange.

Die USA werfen Pjöngjang vor, weiterhin mit Nuklearmaterial zu experimentieren. Nordkorea behauptet dagegen, dass die USA den Bau der für Nordkorea wichtigen Atomkraftwerke absichtlich verzögere. Nach Einschätzung des südkoreanischen Geheimdienstes verfügt Pjöngjang über ausreichend Spaltmaterial "für ein oder zwei Atombomben". Dazu kommen rund 5000 Tonnen Bio- und Chemiewaffen. Da Nordkorea wirtschaftlich am Boden ist, könnten die Waffen in die Hände internationaler Terroristen fallen, befürchtet Washington.

Eine Ausweitung des Anti-Terrorkrieges auf die koreanische Halbinsel scheint dennoch ausgeschlossen. Nordkorea unterhält eine der größten Armeen der Welt. Bereits einen Tag nach Bushs markiger Rede signalisierte Washington: Es sei "unumgänglich", die Nukleargespräche wieder aufzunehmen.

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