Politik : Angst vor der Straße

Araber feiern Iraks Gegenwehr – und verunsichern so ihre Regime

Birgit Cerha

„Die Araber, die arabische Nation, beobachten, wie der Irak der zionistischen, amerikanischen und britischen Aggression in heroischer Weise widersteht. Wir appellieren an die arabische Welt, sich wie ein Mann zu erheben und sich zu verteidigen“, erklärte Iraks Außenminister Nadschi Sabri hocherhobenen Hauptes in Damaskus, von wo er Montag eine Reise zu einem Treffen arabischer Außenminister in Kairo antrat.

Unterdessen präsentierte sich sein Chef, Iraks Diktator Saddam Hussein, in einer von Bagdad als „historisch" verkündeten Rede über die irakischen Bildschirme siegesgewiß und voll Kampfesmut. Die Bilder des von der größten Militärmacht der Welt bedrängten Herrschers am Tigris, der nicht nur seinen Widerstand bekräftigt, sondern gar einen baldigen Sieg verkündet, begeistern viele arabische Zuschauer. Dass seine Armee nicht – wie von der Supermacht vorhergesagt – bei den ersten Bombenschlägen auseinanderfiel, sondern den amerikanisch-britischen Invasionstruppen unerwartet heftige Kämpfe liefert, tut der so lange gedemütigten arabischen Seele wohl, erfüllt sie mit neuem nationalen Stolz. Allmählich könnte die arabische Straße, die so lange angesichts des krassen Ungleichgewichts der Kräfte zum Nachteil der Araber in der Region, in totaler Passivität versunken blieb, zu neuem Leben erwachen. Die ersten Anzeichen dafür alarmieren die pro-westlichen Herrscher.

Das Phänomen Al Dschasira, der Satellitensenders aus Katar, spielt dabei eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zum Kuwait-Krieg, als es Al Dschasira noch nicht gab, flimmern nun Bilder über die Fernsehschirme der Region, die „die andere Seite" eindrucksvoll zeigen, schwer verwundete irakische Zivilisten, vor Schmerz schreiende Kinder, tote irakische Soldaten in Schützengräben, die weiße Fahne in der Faust, und gedemütigte amerikanische Kriegsgefangene.

Eine Mischung aus Schmerz über den „neuen Imperialismus“, aus Mitgefühl mit der leidenden irakischen Bevölkerung, und tiefer Befriedigung darüber, dass sich die „irakische Ameise" nicht einfach vom „amerikanischen Elefanten" (so ein arabischer Kommentator) zermalmen läßt, heizt die Emotionen auf. Die Angst, insbesondere in den pro-westlichen Ländern Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien, dass ein länger anhaltender Krieg radikalen anti-amerikanischen Kräften Auftrieb gibt, hat sich verstärkt, seit ein rasches Ende nicht abzusehen ist. Die Versuche, die unruhige Bevölkerung mit dem Argument zu beschwichtigen, dass der amerikanische Militärschlag unabwendbar sei und man ihn hinnehmen müsse, verfehlen angesichts des irakischen Widerstandes zunehmend ihre Wirkung. Am Nil greift man zum bewährten Mittel der Repression, ebenso in Jordanien. Dabei wollten die Amerikaner durch den Krieg doch der gesamten Region Demokratie und Menschenrechte bringen. Das Gegenteil ist – vorerst – der Fall.

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