Politik : Angst vor neuer Schwäche

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Am Ende wird über die Führung nicht im Kopf entschieden, sondern im Bauch, mit dem Gefühl. Lieber einen wählen, der immer das Richtige zu tun glaubt, der sich ganz einfach immer sicher zu sein scheint, als einen, der eher in Prozessen denkt, tief in die Details geht und auch so redet. Dieser zweite Politikertypus herrscht in Europa vor. Ihn würden wir eher wählen. Den anderen repräsentiert George W. Bush.

Wir haben sie lange nicht verstanden. Wir haben nicht gefühlt – über diese Entfernung hinweg –, was in Amerika immer noch am meisten zählt, in diesem großen, weiten Land: die Legenden von Unabhängigkeit, Freiheit und dem Glück, das jeder selbst in der Hand hat. Dazu die wachsende Religiosität und der Mythos von einer Härte, die zugleich Stärke ist. Tatkraft, Entscheidungsfreude, Mut, „the right stuff“, auf diesen Eindruck kommt es den Amerikanern bei ihrem Präsidenten besonders an.

Nun also vier weitere Jahre Bush. Der Mann, der sich wie kein Präsident zuvor in einer göttlichen Mission sieht. Der sich auf eine stupende, manchmal erschreckend schlichte Weise als eine Art Gotteskrieger zeigt. Der sich anmaßt, das Wahlergebnis zu kennen, bevor alle Stimmen ausgezählt sind. Ist er vielleicht derjenige, der die Regel bricht, wonach sich dieses Land seine Führer mit der Zeit erzieht?

Zuerst erzieht die Wahl uns, die Europäer. Unabhängig davon, wer der Präsident ist, werden sich unsere Regierungen noch besser darauf einstellen müssen, dass Amerika anders ist. Anders geworden ist. Breite Schichten folgen nach vier Jahren Bush wieder stärker einer Vorstellung, die im Pioniergeist und der Siedlergeschichte wurzelt. Die hilft gegen die Alltagsangst. Das Leben da draußen ist einfach. Es ist gut oder böse. Es ist gewaltsam und anarchisch. Da muss man wachsam sein und stark, und bewaffnet. Es gibt einen Verhaltenskodex, und wer sich daran hält, wird entsprechend gut behandelt. Die anderen bekommen es zu spüren.

Diesen Code spricht Bush, der Instinktpolitiker. Danach handelt er: America first, die Sicherheit und die wirtschaftlichen Interessen des Landes haben absoluten Vorrang. Wer will die Feinheiten des Völkerrechts debattieren, wenn da draußen der Feind wartet? Mindestlohn und Krankenversicherung für alle kommen in dieser Welt nicht vor. So gesehen verwundert es nicht, dass die neokonservativen Vordenker von ihrem Lager als „Imperium“ sprechen. Dessen Kampf geht weiter, über diesen Tag hinaus.

Die Bushianer wollen immer noch mit Bill Clinton aufräumen, dem erfolgreichsten Präsidenten der vergangenen Jahrzehnte, der letzten demokratischen Ikone. John Kerry galt ihnen immer nur als dessen Adept. Nach außen war Clintons Politik der fortwährende Versuch, eine friedliche, an internationalen Regeln orientierte Völkergemeinschaft zu bauen, eine „leuchtende Stadt auf dem Hügel“. Henry Kissinger würde dazu sagen: übertriebener Idealismus. Nach innen spielten bei Clinton auch Mindestlohn und Krankenversicherung eine Rolle.

Der Terror des 11. September, die zwei Kriege, das Wirtschaftsdefizit, alles das hat die Amerikaner nicht zusammenrücken lassen. Das Volk ist nicht geeint. Gereizt ist jetzt die Stimmung, gespannt die Lage, zum zweiten Mal bei einer Bush- Wahl. Dabei hatte der Präsident den polarisierenden Kampf angesagt – und der Kandidat hat den Fehler gemacht, die Herausforderung zu spät anzunehmen. Er war zu lange kein Kerry, sondern ein Bush light, in allen Bereichen. Die Alternative war nicht stark genug, zumindest nicht stark genug herausgearbeitet, um wirklich von der Notwendigkeit eines Wechsels zu überzeugen.

Der Autor Louis Begley hat dieser Tage aber daran erinnert: Bisher hat niemand dem Land dauerhaften Schaden zufügen können. McCarthys Paranoia wurde überwunden, Nixon aus dem Amt gejagt, die Schande des Vietnamkriegs erkannt, die „Reagonomics“ wurden von Clinton bereinigt, und Clintons Sex-Skandale konnten die Präsidentschaft auch nicht beschädigen. Wenn wir das verstehen – und wenn wir es aushalten –, ist das Ergebnis nicht verstörend: Immer wieder hat sich die Urteilskraft der stärksten Demokratie der Welt erwiesen, nur manchmal verspätet.

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