Politik : Ankara als Vorbild und Feindbild Die arabische Welt und die EU-Verhandlungen

Andrea Nüsse

Kairo - Die Aufnahme der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei hat die Gemüter in der arabischen Welt kaum erhitzt. Das mag daran liegen, dass viele Regime und Meinungsmacher Mühe haben, das Geschehen zu dechiffrieren: Eine konservativ-religiöse Regierung eines Staates mit muslimischer Bevölkerung wendet sich zum christlichen Europa.

Liberale Kreise begrüßen die Aufnahme der Beitrittsverhandlungen. „Sie sind ein Zeichen der Ermutigung“, sagt der Wissenschaftler am jordanischen Zentrum für Strategische Studien, Fares Braisat. Die Türkei werde als „positives Modell“ für Modernisierung und Demokratisierung betrachtet. Auch der syrische Philosoph Sadiq al Asm bescheinigt der Türkei Vorbildcharakter. Die Türkei sei der am stärksten säkularisierte Staat in der muslimischen Welt. Ein EU-Beitritt würde das türkische Modell eines säkularen, demokratischen Staates mit muslimischer Bevölkerung stärken, glaubt auch der katarische Wissenschaftler Abdelhamid al Ansari. Er sagte der Nachrichtenagentur AFP, dies werde liberalen und moderaten Kräften in der arabischen Welt Rückenwind bei der Konfrontation mit islamistischen Extremisten geben.

Zwar gehen auch Sprecher der Muslimbrüder in Ägypten davon aus, dass die Aufnahme der Türkei die Beziehungen zwischen EU und islamischer Welt verbessern könne. Allerdings hänge dies davon ab, ob Europa der amerikanischen „Kontrolle“ entkommen und die Türkei ihre „Identität“ beibehalten könne. Radikalere Islamisten werfen der Türkei, in der das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Institutionen verboten ist, Verrat vor. Dies wiegt umso schlimmer, als die Türkei bis 1924 Sitz des islamischen Kalifats war. Die Bombenanschläge islamischer Extremisten im November 2003 zeugen von dieser Einstellung.

Auch das Argument, die Türkei werde die EU-Politik im Blick auf die arabisch-islamische Welt positiv beeinflussen können, wird hinterfragt. Die Vergangenheit des Osmanischen Reichs, das weite Teile der arabischen Welt besetzt hatte, belastet die Beziehungen. Zudem hat die Türkei durch enge Kooperation mit Israel und Staudammprojekte, die Syrien das Wasser abschneiden, zur Entfremdung mit den unmittelbaren Nachbarn beigetragen. Große Beachtung bekam Ankara aber für die Entscheidung, den USA den Durchmarsch durch die Türkei im Irakkrieg zu verwehren. Das hatte die arabische Welt stark beeindruckt und das Türkeibild positiv verändert.

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