Politik : Ankara beschuldigt iranischen Geheimdienst - Medien skeptisch

Thomas Seibert

Ugur Mumcu hatte keine Chance. Als der prominente Journalist der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet" am 24. Januar 1993 in Ankara in sein Auto stieg, wurde der Wagen von einer darunter versteckten Bombe zerfetzt. Mumcu war sofort tot. Mehr als sieben Jahre lang blieb die Tat unaufgeklärt, und in dieser Zeit entwickelte sich der Fall Mumcu im öffentlichen Bewusstsein zu einem Symbol für die Missstände in der Türkei. Für Mumcu wurden Denkmäler errichtet, vor denen jedes Jahr am Todestag große Gedenkkundgebungen stattfinden.

Doch jetzt wollen die türkischen Behörden die Mörder des Journalisten ermittelt haben: Mumcu sei von iranischen Geheimdienstagenten getötet worden, die mit Unterstützung türkischer Handlanger handelten. In den vergangenen Tagen wurden mehr als 100 Mitglieder der islamistischen Szene in der Türkei festgenommen. Sind damit die Schuldigen endlich gefunden? "Hoffentlich stimmt es", schrieb eine Zeitung. Doch in die aufkommende Erleichterung mischt sich Skepsis.

Einige der Festgenommenen sollen vor dem Attentat in Iran im Bombenbau unterwiesen worden sein und den Sprengstoff anschließend aus Iran in die Türkei geschmuggelt haben. Die beiden Hauptverdächtigen, Abdülhamit Celik und Yusuf Karakus, wurden von Polizei und Staatsanwaltschaft inzwischen an den Ort des Verbrechens in Ankara geführt, wo sie den Ablauf des Anschlags schilderten: Iranische Bombenleger hätten den Sprengsatz unter dem Auto Mumcus angebracht, während türkische Komplizen Schmiere standen.

Internationale Haftbefehle erlassen

Celik und Karakus haben nach Presseberichten zudem auf vorgelegten Fotos zwei iranische Agenten als ihre damaligen Komplizen identifiziert. "Die Spur führt nach Iran", meldeten die Zeitungen. Nun feile Ankara nicht nur an internationalen Haftbefehlen gegen die angeblichen Täter, sondern auch an einer politischen Initiative, um Iran international als Terrorstaat anzuprangern. Die iranische Botschaft in Ankara dementierte zwar jede Verbindung Teherans mit dem Verbrechen - doch für viele in der Türkei steht fest, dass die Iraner und die Islamisten hinter dem Mordplan steckten. Schließlich hatte der ausgewiesene Anti-Islamist Mumcu kurz vor seinem Tod Verbindungen zwischen dem islamischen Gottesstaat und den kurdischen PKK-Rebellen angeprangert.

Dennoch gibt es Zweifel an der offiziellen Darstellung. Die Zeitung "Radikal" etwa berichtete von erheblichen Widersprüchen in den Aussagen der Beschuldigten. Der konservative Leitartikler Emin Cölasan stellte die Frage, warum die mutmaßlichen Mittäter in den vergangenen sieben Jahren nicht längst die Türkei verlassen hätten, wenn sie wirklich an dem Anschlag beteiligt waren. Cölasan erinnerte zudem daran, dass es im Fall Mumcu schon häufiger Festnahmen und "Geständnisse" gab, die sich am Ende als falsch herausstellten.

SÜndenböcke gesucht

Das Misstrauen gegen die Darstellung der Behörden rührt zum Teil daher, dass deren Weste keineswegs blütenweiß ist. Schließlich schrieb Mumcu kurz vor seinem Tod nicht nur gegen die Islamisten an, sondern auch gegen die "Staatsbanden" - den Filz aus rechtsgerichteten Mitgliedern der Sicherheitskräfte und der Mafia. Nach dem Mord an Mumcu war der Verdacht laut geworden, Kräfte aus diesem Milieu könnten hinter der Tat stecken. Der Polizei wurde damals vorgeworfen, schlampig und halbherzig zu ermitteln. Auch deshalb schwingt in skeptischen Kommentaren die Frage mit, ob mit den neuen Festnahmen nur Sündenböcke präsentiert werden sollen - die Islamisten werden von Ankara ohnehin als Staatsfeinde betrachtet, und mit dem Nachbarn Iran hat die Türkei wegen angeblicher Neigungen zum Revolutionsexport und der mutmaßlichen PKK-Unterstützung auch noch ein Hühnchen zu rupfen.

Fest steht jedenfalls, dass die Festnahmen im Fall Mumcu für die islamistische Bewegung in der Türkei zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt kommen. Denn kurz vor dem ersten Parteitag der islamistischen Tugendpartei an diesem Sonntag in Ankara fliegen bei den Religiösen die Fetzen: Die konservative Parteiführung wehrt sich gegen einen Aufstand der Reformer. Auch eine Spaltung scheint nicht mehr unmöglich.

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