Ankara : Irak und Türkei uneinig über PKK-Konflikt

In Ankara sind Delegierte der Türkei und des Irak zusammen gekommen. Sie wollten über das weitere Vorgehen im Fall militanter Rebellen der kurdischen Arbeiterpartei PKK entscheiden. Doch die Gespräche wurden abgebrochen.

Ankara/CizreRegierungsdelegationen aus dem Irak und der Türkei sind zu Gesprächen über das weitere Vorgehen gegen die Rebellen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak zusammengekommen. Der irakischen Delegation gehörten Verteidigungsminister Abdel Kader Mohammed Dschassim und der Minister für nationale Sicherheit, Schirwan al Waeli, an. Auf türkischer Seite nahmen unter anderen Außenminister Ali Babacan und Innenminister Besir Atalay an dem Treffen im türkischen Außenministerium teil.

Die Gespräche wurden nach anderthalb Stunden unterbrochen. Das weitere Vorgehen war unklar. Die beiden irakischen Minister kehrten in das Haus der Polizei zurück, in dem die elf Mitglieder der irakischen Delegation untergebracht wurden. Die türkische Seite wollte zum Stand der Beratungen keinen Kommentar abgeben. Das Treffen war ursprünglich bereits für Donnerstagabend geplant, wurde aber dann auf den heutigen Morgen verschoben. Babacan hatte am Mittwoch erklärt, die irakische Abordnung müsse mit konkreten Vorschlägen kommen, sonst sei der Besuch sinnlos. Die türkische Regierung zeigt sich nach wie vor entschlossen, militärisch gegen die PKK-Rebellen im Nordirak vorzugehen. 

Säbelrasseln macht macht der Bevölkerung Angst

Ankaras Säbelrasseln im Kurden-Konflikt macht den türkischen Kurden an der Grenze zum Irak indessen fortwährend Angst. Von einer militärischen Intervention verspricht sich in der Stadt Cizre im äußersten Südosten der Türkei daher kaum jemand etwas Gutes. "Mehr Blut und Krieg" wären zu erwarten, würde die türkische Armee jenseits der Grenze massiv eingreifen, sagt Metin Selcuk Özalp. Mehr Investitionen in die Wirtschaft der Region wären weitaus besser. Der 23-jährige Händler, der den Höhepunkt des Kurdenkonflikts zwischen 1992 und 1993 als Kind miterlebte, dürfte vielen seiner Landleute in der 80.000-Einwohner-Stadt in der Grenzprovinz Sirnak aus dem Herzen sprechen: "Wir haben schon genug gelitten."

Seit 1984 bereits dauert der Konflikt zwischen den Rebellen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der türkischen Armee an. Mehr als 37.000 Menschen kamen seither ums Leben. Die Provinz war in den vergangenen 30 Jahren immer einer der Hauptkampfplätze. Doch vieles deutet darauf hin, dass das Leiden der Bevölkerung von Sirnak weitergehen wird. Angesichts zunehmender grenzüberschreitender PKK-Attacken vom Nordirak aus gab das Parlament in Ankara der türkischen Regierung in der vergangenen Woche grünes Licht für eine Militärintervention. Der Beschluss gilt ein Jahr lang.

Droht ein Flächenbrand?

Zwar gilt ein Marschbefehl vor der Irak-Nachbarschaftskonferenz in Istanbul mit US-Verteidigungsministerin Condoleezza Rice Anfang November und dem anschließenden Besuch von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Washington als unwahrscheinlich, doch Ankara lässt keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit. In Cizre fürchten sie einen Flächenbrand. Die Vorstellung, dass der Funke einer Intervention im irakischen Kadil-Gebirge über die Grenze in die Türkei zurückschlagen könnte und wie Anfang der neunziger Jahre die ganze Region samt den großen Städten erfassen könnte, macht den Menschen Angst. "Ich bin mit dem Krieg groß geworden", erzählt der 28-jährige Tahir Acar. "Wir konnten abends nicht raus und nachts hörten wir die Schüsse. Das wollen wir nicht nochmal." Sie haben sich gerade erst an kleine Erleichterungen gewöhnt, die ihnen die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union bescherten.

Erst kürzlich hob Ankara nach 15 Jahren den Ausnahmezustand für die Region auf. Eine weitere Errungenschaft war, dass Kurdisch an Privatschulen unterrichtet werden darf. Unter einer Intervention würde vor allem die Wirtschaft leiden. Die Lebensader von Sirnak heißt Habur. Täglich rollen dort Lastwagen mit Lebensmitteln über die Grenze in den Nordirak und kommen mit billigem Treibstoff zurück. "Der Grenzposten Habur ist unsere einzige Einkommensquelle. Was sollen die Menschen machen, wenn sie den schließen?", fragt Metin Selcuk Özalp.

Hoffnung auf diplomatische Lösung

Ramazan Ekmekci, dessen Handy-Shop vom grenzüberschreitenden Geschäft abhängig ist, sieht schon einen Aufstand kommen. "Ohne Geld gibt's eine Revolte." Weder die Türkei noch die USA könnten das verhindern. Ihre Hoffnungen setzen sie in Cizre auf eine diplomatische Lösung zwischen Ankara und Bagdad. Regierungsdelegationen beider Seiten kamen heute in der türkischen Hauptstadt zusammen, um den Konflikt zu erörtern. Der türkische Außenminister Ali Babacan hatte am Mittwoch allerdings erklärt, die irakische Abordnung müsse mit konkreten Vorschlägen kommen, sonst sei der Besuch sinnlos. Welchen realen Einfluss Bagdad in den Kurdengebieten im Norden des Landes gelten machen kann, ist unklar. Dort hat die kurdische Regionalregierung das Sagen, die mehrfach betonte, dass sich in ihrem Machtbereich keine PKK-Vertretungen befänden. (mit AFP)

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