Anklage : Amerikanische Baptisten sollen Kinder auf Haiti entführt haben

Ermittlungen gegen zehn US-Bürger auf Haiti: Sie hatten versucht, 33 Kinder illegal außer Landes zu bringen. Den Baptisten droht eine Haftstrafe von 15 Jahren.

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Sie seien alle gute Christen und wollten nur helfen, ließen sie verlauten. Doch nun sind jene zehn US-Bürger, die in der vergangenen Woche versucht haben sollen, 33 haitianische Kinder ohne Genehmigungen aus dem erdbebengeschädigten Land zu bringen, offiziell angeklagt worden. Wie ihr Anwalt Edwin Coq am Donnerstag weiter mitteilte, sollen sich die Mitglieder einer Baptistenkirche aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Idaho wegen Entführung vor einem haitianischen Gericht verantworten. Ihnen drohen im Falle einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.

Kindesentführungen sind ein schweres Vergehen. Doch scheint dieser seltsame Fall, zumindest nach dem jetzigen Stand, beim Gros der beteiligten Amerikaner mit einer gehörigen Portion Naivität verbunden zu sein. Was ist genau geschehen? In Malpasse an der Grenze zur Dominikanischen Republik stoppte die Polizei am 31. Januar den Bus mit den Amerikanern sowie 33 Kindern im Alter von zwei Monaten bis zwölf Jahren. Die fünf Frauen und fünf Männer konnten keine Dokumente vorweisen, die sie zur Obhutnahme der Kinder berechtigte.

Die Leiterin der christlichen Hilfsorganisation, die sich New Life Children's Refuge nennt, behauptete, sie habe eine offizielle Erlaubnis der Dominikanischen Republik, die Kinder in ein dort von der Gruppe betriebenes Waisenhaus zu bringen. Doch bis heute ist unklar, ob und wo die Organisation die Unterbringung der Kinder in der Dominikanischen Republik geplant hat. Online heißt es bei New Life Children's Refuge, man wolle ein Hotel mit 45 Zimmern mieten und plane den Erwerb und Bau von Grundstücken und Gebäuden in Magante im Norden des Landes.

Zahlreiche haitianische Kinder wurden durch das Beben zu Waisen, sie sind schutzlos und haben von allen Menschen dort wohl die meiste Hilfe nötig. Gerade das macht die vermeintliche Hilfsaktion der Christengemeinde heikel. New Life Children's Refuge hat sich der Rettung von Waisenkindern verschrieben und hofft dabei auch auf Adoptionen über US-amerikanische Agenturen. Doch waren einige der 33 Kinder keine Waisen. Vielmehr sollen die Baptisten den Eltern eine kostenlose Schulbildung ihrer Kinder im Nachbarland und die Möglichkeit von Heimatbesuchen versprochen haben. So haben einige der Angehörigen der Kinder inzwischen auch ausgesagt, den Amerikanern ihre Kinder freiwillig übergeben zu haben, um sie aus dem Elend in Haiti herauszubringen. Zur Adoption hätten sie diese jedoch nicht freigegeben.

Im Mittelpunkt der Affäre steht die Leiterin der Gruppe, die Geschäftsfrau und selbsternannte Missionarin Laura Silsby. Sie hatte anfangs behauptet, es handele sich um Waisen und sie habe wegen der eilbedürftigen Not der Kinder bei den haitianischen Behörden nicht um entsprechende Dokumente ersucht. Übersetzter der Gruppe berichteten jedoch, das Laura Silsby bekannt gewesen sei, dass zumindest einige der Kinder keine Waisen sind, denn sie habe selbst mit Eltern, die ihre Kinder der Organisation gaben, Gespräche geführt.

Silsby soll zudem den Plan der Gruppe sowohl gegenüber haitianischen Beamten als auch Vertretern der Dominikanischen Republik in Haiti bekannt gemacht haben. Von allen sei sie gewarnt worden, dass sie ohne gültige Papiere der Entführung bezichtigt werden könnten, schreibt die New York Times. Der Anwalt der Gruppe, Edwin Coq, versucht daher auch die anderen neun Baptisten als Ahnungslose darzustellen, die allein aus Mitleid und dem Willen zu helfen die Reise in die Karibik angetreten hätten. Die meisten seien das erste Mal in Haiti und wüssten nichts über das Land. Bei den Gesprächen für die Übergabe der Kinder hätten sie angeblich im Bus gesessen, berichtet Coq laut Washington Post.

Haiti war bereits vor dem Erdbeben ein failed state, in dem die Versklavung von Kindern, vor allem von Mädchen, eines der großen Probleme war. Menschenrechtler drängen schon lange auf Verbesserung des Kinderschutzes. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass das ohnehin völlig verarmte Land auch noch von einer dramatischen Katastrophe gebeutelt wird, ist die Aktion von New Life Children's Refuge zumindest naiv und ungeschickt zu nennen. Möglicherweise hat auch der gute Glaube, im christlichen Sinne auf jeden Fall das richtige zu tun, diese fehlende Sensibilität der Baptisten aus Idaho befördert.

Die Affäre droht jedenfalls zu einer Belastung des US-amerikanischen Hilfseinsatzes zu werden, denn die Haitianer beginnen  ausländische Einmischungen zu fürchten. Dass das nicht unberechtigt und erhöhte Sensibilität dringend notwendig ist, zeigt sich nämlich an einem anderen Fall: Scientology hat Ende Januar vier Tonnen Hilfsmittel, sowie eine Gruppe Ärzte und Seelsorger nach Port-au-Prince eingeflogen. Nun hat die umstrittene Sekte beschlossen, in Haiti zu bleiben, es soll eine ständige Vertretung aufgebaut werden.

Quelle: ZEIT ONLINE

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