Anklage : Fall Demjanjuk: Geschichte vor Gericht

Wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden hat die Staatsanwaltschaft München I Anklage gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk erhoben. Der 89-Jährige sitzt seit seiner Abschiebung aus den USA im Mai in Münchner Untersuchungshaft.

Claudia von Salzen

Berlin - Ein Prozesstermin steht noch nicht fest. Bis zur Anklageerhebung war es ein weiter Weg. Vor acht Monaten erhielt die Staatsanwaltschaft 17 Aktenordner über den Mann, der jahrzehntelang im amerikanischen Cleveland lebte. Akribisch genau hatte die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg recherchiert, dass er 1943 im Vernichtungslager Sobibor am nationalsozialistischen Judenmord beteiligt gewesen sei. Mit diesem umfangreichen Material gaben sich die Ermittler in München aber noch lange nicht zufrieden: Der zuständige Staatsanwalt reiste in die USA, um Einsicht in Akten zu nehmen, die für den Prozess wichtig sein könnten. Dort hatte das Verfahren gegen Demjanjuk, der von den USA ausgebürgert und abgeschoben wurde, seinen Anfang genommen.

Aber auch die Zahl der Opfer rechnete die Münchner Staatsanwaltschaft noch einmal genau nach. Der zuständige Jurist in Ludwigsburg hatte bereits Transportlisten ausgewertet und so herausgefunden, dass in dem halben Jahr, in dem Demjanjuk Wachmann in Sobibor gewesen sein soll, 29 000 Juden aus dem niederländischen Westerbork in das Vernichtungslager deportiert worden waren. Die Ermittler kennen nicht nur die Zahl der Ermordeten, sondern auch ihre Namen. In der Anklage gegen Demjanjuk ist nun von 27 900 Opfern die Rede. Die übrigen Menschen seien wohl bereits auf dem Weg nach Sobibor zu Tode gekommen, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler.

Dieses Detail zeigt, wie viel Aufmerksamkeit die Münchner Ermittler dem Fall widmen – und wie sehr sie offenbar auch darum bemüht sind, keinen Fehler zu machen. Nur zu gut ist vielen Beteiligten bewusst, dass Demjanjuk bereits in Israel wegen seiner Tätigkeit als Wachmann in einem NS-Vernichtungslager angeklagt und zum Tode verurteilt worden war. Das Urteil musste später aufgehoben werden, als sich herausstellte, dass Demjanjuk doch nicht der gefürchtete Wachmann „Iwan der Schreckliche“ aus dem Vernichtungslager Treblinka war. Er war mit einem anderen verwechselt worden.

Demjanjuks Verteidiger argumentieren nun, dass es in dem Prozess in Israel auch um Sobibor gegangen sei und ihr Mandant daher nicht noch einmal deswegen vor Gericht gestellt werden könne. Auch in Polen sei ein Verfahren gegen Demjanjuk eingestellt worden, betonte Demjanjuks Rechtsanwalt Ulrich Busch, der zugleich vor einer öffentlichen „Vorverurteilung“ seines Mandanten warnt. „Wir werden nachweisen, dass die Anklage nicht zulässig ist“, kündigte Busch bereits vor der Anklageerhebung an.

Das Verfahren findet schon deswegen weltweite Aufmerksamkeit, weil es der letzte NS-Prozess sein könnte. Er wird sich lange hinziehen. Ärzte raten, gegen Demjanjuk täglich nur 180 Minuten zu verhandeln. Claudia von Salzen

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