Politik : Anklage gegen Atta-Komplizen

Bundesanwaltschaft verdächtigt einen Marokkaner, die Terrorpiloten vom 11. September unterstützt zu haben

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Von Frank Jansen

Knapp ein Jahr nach dem Terrorangriff des 11. September auf die USA ist es soweit: Einer der mutmaßlichen Unterstützer der Attentäter um den ehemaligen Hamburger Studenten Mohammed Atta wird von der deutschen Justiz zur Rechenschaft gezogen. Generalbundesanwalt Kay Nehm hat, wie am Mittwoch bekannt wurde, Anklage gegen den Marokkaner Munir El-Motassadeq erhoben. Der Schriftsatz ist dem aus Marrakesch stammenden Mann jetzt zugestellt worden. Mit welchen Vorwürfen der in Wuppertal inhaftierte Islamist konfrontiert wird, wollte die Bundesanwaltschaft am Mittwoch nicht mitteilen. Es ist allerdings bekannt, dass Nehm gegen El-Motassadeq wegen des Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ermittelt hat. Möglicherweise kämen auch weitere Anklagepunkte in Frage, hieß es bereits Ende Juni bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Im November 2001 hatte das Bundeskriminalamt den heute 28 Jahre alten Studenten der Elektrotechnik in Hamburg festgenommen – offenbar gerade noch rechtzeitig. El-Motassadeq war kurz zuvor Vater geworden und wollte sich vermutlich nach der Geburt seines Kindes ins Ausland absetzen, wahrscheinlich in seine Heimat Marokko. Damit wäre den deutschen Sicherheitsbehörden eine wichtige Figur des Al-Qaida-Netzwerks auf deutschem Boden verloren gegangen, sagen Experten. Denn der 1993 in die Bundesrepublik eingereiste El-Motassadeq unterhielt enge Kontakte zu den Terrorfliegern Mohammed Atta, Marwan Al-Shehhi und Ziad Jarrah. Der Ägypter Atta steuerte den Jumbo-Jet, der in den Nordturm des World Trade Centers raste. Al-Shehhi, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammend, war der Selbstmordpilot des zweiten Flugzeugs, das dann im Südturm zerschellte. Der Libanese Ziad Jarrah saß in der Kanzel der Maschine, die nach einem Kampf zwischen Kidnappern und Passagieren bei Pennsylvania abstürzte. Nach Ansicht von Sicherheitsexperten agierte Mutassadeq wie ein Projurist des Trios, als dieses in Florida Flugstunden nahm und für den Tag X trainierte.

So soll der Marokkaner in Abwesenheit Al-Shehhis dessen Girokonto bei einer Filiale der Dresdener Bank in Hamburg geführt haben. Die Behörden erfuhren davon, als das Geldinstitut Anzeige erstattete wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Auf dem Konto waren 50 000 Mark eingegangen, als Absender firmierte ein mysteriöser Mohammed Al-Qusaidi. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden hat El-Motassadeq außerdem selbst mehrere zehntausend Mark auf ein Tarnkonto Al-Shehhis in New York überwiesen, in Tranchen von drei- bis viertausend Mark. Mit dem Geld wurden vermutlich die Flugstunden in Florida bezahlt.

Wie El-Motassadeq ins Milieu der Islamisten geriet, ist unklar. 1996 soll er Atta kennen gelernt haben. Die Verbindung war eng – der Marokkaner unterschrieb sogar das Testament des späteren Terrorpiloten. Wie Atta, Al-Shehhi und Jarrah wurde auch El-Motassadeq nach Überzeugung der Sicherheitsbehörden in Al-Qaida-Camps im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet für den „Heiligen Krieg“ gedrillt. Möglicherweise hat der Gotteskämpfer sogar einen Mann auf dem Gewissen, mit dem er in Deutschland einst verkehrte. Am 11. September starb im World Trade Center der Münsteraner Harald Ackermann. Seine Familie betreibt eine Gaststätte, in der El-Motassadeq 1994 gearbeitet hat – als Tellerwäscher, still und zuverlässig.

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