Politik : Anleihe auf den Patriotismus

Malte Lehming

Was im Sport der Fan, ist im Krieg der Patriot. Ein bisschen Folklore in Form von Fahnen und Gesängen gehört dazu, damit bei Sportlern wie Soldaten das Gefühl gestärkt wird, dass die Schinderei sich lohnt. Fans und Patrioten sind parteiisch. Daraus machen sie kein Geheimnis. Und sie sind zu Opfern bereit. Der Fan reist seiner Mannschaft bis Timbuktu hinterher, der Patriot hört täglich die Nationalhymne - und kauft fleißig Kriegsanleihen.

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Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Zum letzten Mal gaben die USA im Zweiten Weltkrieg so genannte "war bonds" heraus. Der Erfolg war überwältigend: Zwischen Mai 1941 und Januar 1946 erwarben mehr als 85 Millionen Amerikaner die entsprechenden Scheine im Gesamtwert von 185,7 Milliarden Dollar. Die Anleihen waren populär. Nicht einmal Goebbels hätte seine Propaganda so gut unters Volk gebracht wie Präsident Franklin D. Roosevelt, spottete man damals. Der ökonomische Nebeneffekt war nicht minder erwünscht. Das Warenangebot war knapp, die Anleihen boten ein gutes Mittel, um die allgemein verfügbare Geldmenge zu reduzieren und dadurch die Inflation niedrig zu halten.

Sechzig Jahre später gibt es Waren im Überfluss - das Problem besteht in der schlechten Nachfrage. Deshalb ist die Bush-Administration gar nicht so glücklich über die Initiativen des Kongresses, den Mythos der Kriegsanleihen wieder aufleben zu lassen. Am Dienstag war ein entsprechender Gesetzentwurf im Repräsentantenhaus verabschiedet, im Senat zuvor ein ähnlicher Vorstoß gebilligt worden. Die Namen der geplanten Anleihen heißen, je nach Heftigkeit des patriotischen Empfindens, "unity bonds", "war bonds", "victory bonds" oder "freedom bonds".

Dass ihr Vorstoß ökonomisch fragwürdig ist, nehmen die Abgeordneten in Kauf. Sie setzen statt dessen ganz auf die moralische Wirkung. Der Patriotismus braucht Ventile. Außerdem ist es besser, sein Geld in Anleihen zu investieren, als es unter der Matratze verschimmeln zu lassen. Bevor das Vorhaben umgesetzt wird, könnten aber noch Monate vergehen. Bei den letzten Staatsanleihen lag zwischen Genehmigung und Produktion ein Zeitraum von anderthalb Jahren. Wahrscheinlich müssten die Interessenten diesmal zunächst mit einer elektronischen Version Vorlieb nehmen. Aber welcher wahre Patriot lässt sich im Kriegsfall sein Herz durch einen E-Mail-Ausdruck erwärmen?

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