Politik : Anleitung zum Glücklichsein Von Lorenz Maroldt

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Der 9. November vor fünfzehn Jahren: Das war, als schösse ein Korken aus der Champagnerflasche. Es kam nicht ganz unerwartet. Die Flasche stand schon bereit, von Aluminium und Draht befreit, abgewickelt, gewissermaßen. „Das trifft nach meiner Kenntnis ist das … sofort, unverzüglich“ – das waren die ungelenk zögernden, die befreienden Worte Günter Schabowskis, die Schampus sprudeln und die Tränen fließen ließen, am Ende dann doch etwas plötzlich. Geradezu unkontrolliert… Heute Nacht, sagte damals Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper, sind wir das glücklichste Volk der Welt.

Fünfzehn Jahre. Eine lange Zeit in einem Leben, lange her – aber so lebendig. Fast jeder weiß eine, weiß seine Geschichte von diesem Tag zu erzählen. Es sind mal banale, mal kuriose Erinnerungen, doch allen ist dieses Besondere inne: Geschichte erlebt zu haben, Zeuge eines historischen Moments gewesen zu sein, in dem alles offen, in dem alles möglich erschien, so schön, so erstaunlich, unglaublich. Da brach sich etwas Bahn, von dem niemand ahnte, geschweige denn wusste, wohin es sollte, wollte. Manchen trug es nur bis zur nächsten Kneipe, Hauptsache: drüben. Prost!

Der wahre Tag des deutschen Feierns ist der 9. November. Und das wird so bleiben, wenn auch alle – jedenfalls jene, die heutzutage Arbeit haben – an diesem Tag arbeiten müssen, ausgerechnet. Der pathetisch geführte Kampf um den 3. Oktober offenbart eine verklemmte Kleingeistigkeit. Das findet seine Entsprechung in der deutschdeutschen Stimmungslage, immerhin das; aber die ist ja, wie das Gefühl zum 3. Oktober, einfach nur sehr, sehr grau. Dem 9. November gehört das stärkere Gefühl. Er ist deshalb das stärkere Symbol. Wie treffend, dass am heutigen Tag, genau fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer, die letzten Urteile gegen Grenzsoldaten gesprochen werden. Symbolisch sollen die Strafen ausfallen, sagt der Staatsanwalt.

Fünfzehn Jahre. Wo waren die Deutschen nach dieser Spanne der Zeit, gesehen vom Ende der Nazizeit aus? 1960: Was wusste man, wie und wo war man? Wirtschaftlich von null auf schon ziemlich viel, gesellschaftlich bieder, aber erwartungsvoll, historisch blind, verschämt. Alles das ist heute etwas anders: wirtschaftlich angezählt, gesellschaftlich verzagt, historisch bemüht. Das immerhin: Wir sind heute weiter bei der Aufarbeitung der Geschichte, juristisch und moralisch, offener, diskursiver. Und doch droht vieles dem Verdrängen und Vergessen anheim zu fallen; anderes wird zurechtgebogen. Bei Umfragen können 40 Prozent der unter Dreißigjährigen nicht sagen, was am 9. November ’89 war, insgesamt kann ein Drittel aller Befragten diesen Tag mit keinem Ereignis in Verbindung bringen. Das ist schon bemerkenswert, bei all dem Trubel, der um die jüngere deutsche Geschichte herrscht. Wenn der Mummenschanz am Checkpoint Charlie, so peinlich er ist, nachhelfen könnte, das Wissen um das, was damals geschah, zu erhalten und weiterzugeben, dann würde ein Großteil der Kritik an der falschen Mauer abprallen.

Der 9. November ist der Tag, an dem wir nicht in erster Linie der Opfer gedenken, und an dem wir uns nicht von Problemen der politischen Vereinigung deprimieren lassen. Anders als am 13. August, dem Tag des Mauerbaus, und anders als am 3. Oktober. Der 9. November steht für Mut, für Neugier und Aufbruch, für Lust und Lebensfreude. Wir sind doch immer noch ein glückliches Volk, sagt Momper heute. Stimmt das nicht?

Es werden mitten in Deutschland keine Menschen mehr erschossen, die nur auf die andere Seite von Mauern, Zäunen und Flüssen wechseln wollen. Niemand wird mehr wegen seiner Meinung verurteilt. Wir nehmen das heute als selbstverständlich hin – und verdrängen, dass es vor nicht gar so langer Zeit ganz anders war. Beklagt wird stattdessen, dass etwas fehlt, was die meisten zuvor nie kannten: das Einheitsgefühl.

Die Wucht der Euphorie vom 9. November 1989 brachte alles und jeden aus der Balance. Dann suchte sie sich ein Gegengewicht. Es wird sich einpendeln. Irgendwann. Zum Glück.

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