Politik : "Anmerkungen zu Honecker": Fatale Karriere

Karl Wilhelm Fricke

Nach der friedlichen Revolution von 1989 sind schon einige solide Biografien über ehemaliger Spitzenpolitiker in der DDR erschienen. Aber zu Erich Honecker fehlt dergleichen bis heute. Auch Henrik Eberles Buch schließt diese Lücke nicht. Freilich erhebt der Autor auch gar nicht diesen Anspruch. Seine "Anmerkungen zu Honecker" liefern Mosaiksteinchen, die das Bild des 1994 verstorbenen, einstigen Generalsekretärs der SED und Vorsitzenden des DDR-Staatsrates ergänzen und verdichten, vor allem aber aktualisieren. Das war nötig. Denn Honeckers Selbstverklärung "Aus meinem Leben" (1980) sowie die Honecker-Biografien von Heinz Lippmann (1971) und Dieter Borkowski (1987) sind veraltet.

Der 30-jährige Autor, der an der Universität Halle Geschichte studiert hat, legt mit seinem Buch im Grunde genommen eine umfangreiche, durchaus lesenswerte Recherche zu Erich Honecker vor. Indes mangelt es ihr an geistig-psychologischer Durchdringung von Karriere und Charakter des Mannes, der über achtzehn Jahre lang die Nummer eins in der DDR war. Entstanden ist ein widerspruchsvolles Bild, das gelegentlich nicht frei von Verklärung ist.

Der Autor hat zahlreiche Details zu Honecker akkurat zusammengestellt und zu diesem Zweck Dokumentationen sowie Archivalien aus dem Zentralen Parteiarchiv der SED, Honeckers Selbstzeugnisse und alle erreichbare Sekundärliteratur ausgewertet. Auf die Befragung von Zeitzeugen, die Auskünfte über ihn aus eigenem Erleben, aus eigener Erfahrung hätten mitteilen können, hat er augenscheinlich verzichtet. Stattdessen zitiert er ausgiebig aus den Erinnerungen von Egon Krenz, Kurt Hager, Heinz Keßler, Hans Modrow, Günther Schabowski oder Alexander Schalck-Golodkowski. So bleibt seine Darstellung des "Mannes mit dem Strohhut" farblos und vordergründig, die Struktur seiner Persönlichkeit tritt nicht hervor. Von seiner Skrupellosigkeit und seinem Willen zur Macht ist keine Rede.

Ein schlechter Mensch

Was Eberle zu "Erich Honecker persönlich" zusammengetragen hat, über sein Verhältnis zu seinen Frauen, seinen beiden Töchtern und seinen Enkelkindern, über Privilegien und Statusfragen, über seine Jagd- und Waffenleidenschaft bietet keinen Ersatz. Seine Deutungen zu Honecker muten zuweilen sonderbar an. "Erich Honecker gilt als anerkannter Friedens- und Sozialpolitiker, vielen aber trotzdem als schlechter Mensch", schreibt er etwa und nennt ihn mal einen "lupenreinen Stalinisten", mal einen "virtuosen Intriganten", mal einen "sehr tatkräftigen, von festen Überzeugungen getragenen Menschen", mal attestiert er ihm "Ignoranz". Wer war Honecker?

Seine Verbrechen kommen kaum zur Sprache. "Eine Mitverantwortung für die etwa 1000 Opfer seines diktatorischen Regimes hat Honecker bis zu seinem Tod abgelehnt." Die ohne Quelle mitgeteilte Zahl bleibt unkommentiert und daher unverständlich. Hatte Eberle die Opfer des mörderischen DDR-Grenzregimes im Sinn?

Ergänzt werden die Lebensdaten durch "Anmerkungen" zu dem, was der Autor Honeckers "Herrschaftstechnik" nennt. Gemeint ist Honeckers politischer Stil, sein Umgang mit dem Partei- und Staatsapparat, seine Neigung zum Personenkult, sein Misstrauen gegenüber möglichen Rivalen im Ringen um die Führung in der SED.

Ungelöstes Rätsel

Ein spezielles Rätsel bleibt auch bei Eberle ungelöst. Warum blieb Honeckers Flucht aus dem Gefängnis und seine reumütige Rückkehr in die Haftanstalt im Februar 1945 für ihn gänzlich folgenlos? Das vermag auch er nicht zu erklären. Mehr Akribie hätte der Recherche gut getan. Der so genannte Volksentscheid zur "sozialistischen Verfassung" kam nicht auf 96, sondern auf 94,49 Prozent Ja-Stimmen. 1978 war nicht mehr Honecker ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen, sondern Paul Verner. Kleinigkeiten? Einer Fehleinschätzung kommt es gleich, wenn der Autor in den "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" der achtziger Jahre nur "einen albernen Schützenverein alter Männer" sieht.

Eberles Buch ist dennoch informativ. Gewiss kamen dem Autor bei der Niederschrift, die offenbar unter Zeitdruck stand, seine Archivarbeiten zupass, die er zu leisten hatte, als er parteiinterne Hausmitteilungen, Briefe, Akten und Dokumente sichtete und sammelte. 1999 hat er sie gemeinsam mit Denise Wesenberg unter dem Titel "Einverstanden, E. H." veröffentlicht.

Wegen seiner Materialfülle wird dieses Honecker-Buch künftigen Biografen durchaus eine nützliche Handreichung sein. Vielleicht entschließt sich der Autor ja eines Tages auch selber dazu, eine wirklich fundierte Lebensbeschreibung Erich Honeckers zu Papier zu bringen. Als Historiker von gerade mal 30 Jahren hat er dazu noch hinreichend Zeit.

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