Annette Schavan : „Ich wünsche mir mehr Bildungsbürger“

Forschungsministerin Annette Schavan über die Fehler nach Bologna, richtiges Investieren und das Studium heute. Die Fixierung auf sechs Semester ist zu eng“, sagt sie im Interview mit dem Tagesspiegel.

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Annette Schavan. -Foto: Thilo Rückeis

Frau Schavan, wovon haben Sie während Ihres Theologiestudiums gelebt?



Ich habe zunächst eine Förderung nach Bafög und danach ein Teilstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung bekommen. Und in der Sommerzeit habe ich Rentenbescheide in einem Landesversicherungsamt bearbeitet.

Ihre Eltern haben Sie unterstützt?

Ja, haben sie. Allerdings hatte ich als Studentin den Ehrgeiz, meinen Eltern nicht zu sehr auf der Tasche zu liegen.

Nirgendwo in den entwickelten Ländern ist es heute als Kind armer Eltern so schwer, einen Hochschulabschluss zu erreichen, wie in Deutschland. Das ist ein vernichtendes Urteil.

Der OECD-Bildungsbericht zeigt, dass in Deutschland 84 Prozent der Erwachsenen mindestens einen Bildungsabschluss der Sekundarstufe zwei haben. Das liegt weit über dem internationalen Schnitt. Sie haben alle Chancen, eine Ausbildung oder ein Studium aufzunehmen. Da bleibt vor allem die Frage: Warum beginnen viele ein Studium und beenden es nicht?

Wie lange wird man uns den Vorwurf, eine Bildungsrepublik vor allem für Bildungsbürger zu sein, noch machen?

Ich wünsche mir eigentlich noch viel mehr Bildungsbürger. Wer jenen wirksam helfen will, die jetzt zu wenig Bildungschancen haben, darf nicht Bildungsbürger schwächen wollen. Im Übrigen bin ich zuversichtlich, dass wir es in den nächsten Jahren schaffen können, dass jeder Jugendliche gute Voraussetzungen für eine Ausbildung hat. Vorausgesetzt, dass wir nicht nur über Geld reden.

Worüber sonst?

Als ich in den sechziger Jahren aufs Gymnasium kam, da gab es sehr viele Familien, in denen es zuvor noch nie jemand bis auf die höhere Schule geschafft hatte. Die Familien hatten meist wenig Geld. Und sie mussten für die Schulbücher zahlen. Diese Familien haben auf vieles verzichtet, um ihren Kindern diese Chance zu geben. Heute habe ich den Eindruck, dass die wohlhabende Gesellschaft Bildungsinvestitionen vor allem als staatliche Investitionen sieht. Zur öffentlichen Verantwortung für Aufstiegschancen gehört auch die private Bereitschaft, sie wahrzunehmen. Unsere Gesellschaft muss mehr Neugierde auf Bildung wecken, sonst helfen immer mehr Investitionen nicht wirklich.

Die Koalition will zwölf Milliarden Euro mehr in Bildung investieren. Wofür?

Das Geld soll etwa zur Hälfte in Bildung und Forschung fließen. In der Bildung wird insbesondere dort investiert, wo Bildungsarmut überwunden werden und Teilhabe ermöglicht werden muss. Über die konkreten Investitionen werden wir jetzt mit Ländern, Kommunen und Stiftungen sprechen.

Sie wollen Familien zum Bildungssparen ermuntern. Was versprechen Sie sich?

Wir greifen die Erfahrungen mit dem Bausparen auf. Das ist die Chance der sogenannten kleinen Leute, zu Wohneigentum zu kommen. Jetzt geht es um Anreize für Investitionen in die Bildung. Die Botschaft ist: Bildungsinvestitionen lohnen sich nicht nur für den Staat, sondern für jeden Bürger.

Wie soll eine alleinerziehende Verkäuferin mit wenig Geld das schaffen?

Es gibt viele Familien, die sich das Bildungssparen leisten können. Und für die, die nicht sparen können und deren Kinder deshalb besonders gefährdet sind, kein Studium aufnehmen zu können, gibt es eine Grundförderung über das Bafög. Zusätzlich soll es einkommensunabhängig ein Bildungsstipendium von 300 Euro monatlich für rund zehn Prozent der Studierenden geben.

Dazu benötigen Sie Zuschüsse aus der Wirtschaft, die sich aussuchen wird, welche Studenten sie fördern will…

Die Kriterien für die Vergabe der Stipendien werden die Hochschulen und nicht die Wirtschaft festlegen. Außerdem kann dieses Programm ein wirkungsvoller Anreiz sein, ehemalige Studenten, die jetzt gut verdienen, zur Stiftung von Stipendien zu ermuntern. Meine ehemalige Hochschule hat mich bereits angeschrieben und ich habe ihr gern ein Stipendium zur Verfügung gestellt. Ich bin sicher, dass es viele gibt, die Bafög oder ein Stipendium erhalten haben und die jetzt einen Beitrag zur Finanzierung unseres Bildungssystems leisten können.

Stipendien erhalten erfahrungsgemäß Kinder aus bildungsnahen Familien. Bildungssparen können sich gut verdienende Eltern leisten. Wäre es angesichts der geringen Chancen von Kindern aus sozial schwachen Schichten nicht sinnvoller, wenn der Staat das Geld für das Bafög nutzt?

Das Bafög muss Kindern, die von ihren Eltern nicht unterstützt werden können, ein Studium ermöglichen. Deshalb haben wir es erhöht und den Kreis der Berechtigten erweitert. Und wer sagt denn, dass das Bildungsstipendium nur an Studierende geht, denen Leistung von zu Hause aus leichter fällt? Die Hochschulen werden Kriterien dafür festlegen. Da wird sich zeigen, dass Leistung und Begabung nicht von der Herkunft abhängig sind.

Länder und Kommunen sagen, Sie würden die Steuern senken und in Kauf nehmen, dass vor Ort Geld für Investitionen fehlt.

Wir nehmen diese Sorge ernst und arbeiten deshalb an einem politischen Gesamtkunstwerk. Wir müssen auf der einen Seite faire Beziehungen zwischen Bürgern und Staat schaffen, damit insbesondere Familien mit kleinen Einkommen entlastet werden. Und wir dürfen andererseits die bereits begonnenen Investitionen in Bildung nicht gefährden. Deshalb haben wir uns im Koalitionsvertrag zu zwölf Milliarden Euro zusätzlichen Investitionen entschlossen. Und wenn es jetzt darum geht, die finanzielle Lücke zu schließen, die noch bleibt, um unser Investitionsziel bis 2015 zu erreichen, dann werden wir den Ländern entgegenkommen. Und zwar über den bisher vereinbarten Anteil des Bundes hinaus.

Sie sprechen über das Ziel, die Gesamtausgaben für Bildung bis 2015 auf zehn Prozent des Sozialeinkommens zu steigern?

Richtig. Daran sind vier Akteure beteiligt. Die Kommunen mit 17 Prozent, die Wirtschaft mit 24, die Länder mit 51 und der Bund mit acht Prozent. Wenn es jetzt darum geht, die noch bestehende Finanzierungslücke bis 2015 zu schließen, dann haben die Länder das nachvollziehbare Interesse, dass sich der Bund stärker engagiert. Darüber sprechen wir bis zum Bildungsgipfel der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin am 16. Dezember.

Die Studierenden streiken unter anderem, weil es zu wenig Personal gibt und sie kein Vertrauen in den Bachelor haben.

Beim Hochschulpakt II ist eine Zulage zur Verbesserung der Qualität vereinbart, Hochschulen stellen bereits mehr Lehrkräfte ein. Ich denke, wir sind mitten in einer Entwicklungsphase, in der die Anhebung des Niveaus der Lehre im Mittelpunkt steht. Der Bachelor ist Bestandteil des Bologna-Prozesses in 46 Ländern. In keinem ist der Master-Abschluss die Regel. Den deutschen Kritikern sage ich: Es stehen bislang ausreichend Masterstudiengänge zur Verfügung. Und was die Unsicherheit über den Bachelor betrifft, appelliere ich an die Wirtschaft, noch deutlicher zu machen, dass die Absolventen sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Wir prüfen gerade, welche Arbeitsmarkterfahrungen die ersten Absolventen gemacht haben. Stellt sich heraus, dass wir mehr Masterstudiengänge benötigen, werden wir das in der Finanzierung des Hochschulpaktes III, der bis 2020 reicht, berücksichtigen.

Verstehen Sie den Unmut der Studierenden über den sechssemestrigen Bachelor, über den Zeitdruck?

Ich habe von Anfang an gesagt, dass die Fixierung auf sechs Semester zu eng ist. Das war auch keine politische Vorgabe. Jetzt werden wir sehen, wie viele Studiengänge mit sieben oder acht Semestern es gibt und ob das ausreichend ist.

Haben Sie auch so studieren müssen?

Ich warne vor Nostalgie. Auch ich bin nicht durchs Studium flaniert. Das war weder bei Natur- noch bei Ingenieurwissenschaftlern so. Und auch nicht bei den Theologen. Ich habe Vorlesungen und Seminare unter anderem in Dogmatik, Fundamentaltheologie, Altem und Neuem Testament, alter und neuer Kirchengeschichte, Sozialethik, Moraltheologie und Liturgiewissenschaft belegt. Das war ein klar strukturiertes Programm. In der Diskussion wird heute leicht vergessen, dass es gerade in den Geisteswissenschaften vor Bologna gigantische Abbrecherquoten gab. Ich will mich Veränderungen nicht verschließen. Aber wir müssen genau sehen, wo sie sinnvoll sind.

Was wollen Sie ändern?

Die Hochschulen müssen prüfen, wo die Stofffülle das Studium behindert, ob jede Vorlesung wirklich mit einer Prüfung beendet werden muss, wo Mobilität verhindert wird, wo nur alter Wein in neue Schläuche gefüllt worden ist. Das alles hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit Strukturen. Und an deren Optimierung arbeiten die Hochschulen. Genau, wie das in anderen Ländern getan wird. Vier Wochen nach der internationalen Bologna-Konferenz wird es am 12. April eine deutsche Konferenz geben, bei der wir entscheiden, welche weiteren Schritte nötig sind, zum Beispiel im Blick auf die Betreuungsverhältnisse.

Welches bildungspolitische Ziel versteckt sich hinter dem Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen?

Das ist eine Diskussion, die in der Umsetzung erst 2013 ansteht. Sie jetzt zum Abschluss bringen zu wollen, ist in der hitzigen Debattenlage unmöglich. Ich bin dafür, in Ruhe ein Konzept zu erarbeiten, mit dem diese Familienleistung die Eltern darin unterstützt, ihre Kinder optimal zu fördern. Da gibt es noch viele Ideen zwischen Kita und Flachbildschirm.

Das Gespräch führten Antje Sirleschtov und Anja Kühne.


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Zur Person


EXPERTIN

Annette Schavan hat Pädagogik, Theologie und Philosophie studiert und über Gewissensbildung promoviert. Sie arbeitete unter anderem mehrere Jahre für die Bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk und veröffentlichte Bücher zu den Themen Schule und Erziehung.

POLITIKERIN

Schavan hat zehn Jahre als Kultusministerin in Baden-Württemberg hinter sich. Fremdsprachen in Grundschulen und eine verkürzte Schulzeit waren ihre Hauptanliegen. Bundesministerin ist sie seit 2005.

KATHOLIKIN

Seit kurzem lehrt die Ex-Vizepräsidentin des Zentralkomitees Deutscher Katholiken Theologie an der Freien Universität. Im Kopftuchstreit mit einer muslimischen Lehrerin hatte sie sich dafür eingesetzt, christliche Symbole von einem Verbot auszunehmen.

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