Annette Schavan will Vorsitz : Gerangel bei der Konrad-Adenauer-Stiftung

Vor vier Jahren flog ihr Promotionsbetrug auf. Nun möchte Annette Schavan Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung werden. Dabei hoffen sie dort auf einen ganz anderen.

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Eng beisammen: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Annette Schavan vor vier Jahren im Bundestag.
Eng beisammen: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Annette Schavan vor vier Jahren im Bundestag.Foto: Adam Berry/ AFP

Auf den ersten Blick sieht es nach einem Routinetermin aus. Alle zwei Jahre stehen bei der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), dem Thinktank der Christdemokraten, Wahlen an. Der bisherige Vorsitzende Hans-Gert Pöttering, seit 2010 an der Spitze, zeigt sich noch nicht amtsmüde. CDU-Chefin Angela Merkel, die es gerne ruhig hat in ihrer Partei, könnte den nicht sonderlich auffällig Gewordenen am 1. Dezember ein weiteres Mal vorschlagen. Und die 50-köpfige Mitgliederversammlung, bestehend aus so wie gut wie allen, die in der CDU Rang und Namen haben oder hatten – würde ihn dann wohl auch durchwinken.

Doch es spricht sehr viel dafür, dass es anders kommt. Denn es gibt eine Person, die mit Macht auf den renommierten Posten drängt und der immer noch ein sehr enges Verhältnis zu Merkel nachgesagt wird. Trotz oder gerade wegen allem, was war. Ihr Name ist Annette Schavan.

Schavans Botschafterjob im Vatikan läuft aus

Die frühere Bundesbildungsministerin befindet sich nach ihrer wenig ruhmreichen Demission vor vier Jahren nach wie vor im römischen Exil. Ihr Job als deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl läuft demnächst aus. Und die 62-Jährige setzt, wie man hört, seit Monaten alle Hebel in Bewegung, um bei der CDU-nahen Stiftung das Sagen zu bekommen. Sie bedrängt Parteifreunde und vor allem -freundinnen mit Anrufen, bearbeitet sie mit dem Argument, dass bei dem Verein endlich mal eine Frau an die Spitze müsse – und streut angeblich auch das Gerücht, bereits eine Zusage der Kanzlerin zu haben.

In der Stiftung mit ihren Hauptsitzen in Berlin und St. Augustin bei Bonn verfolgen sie die forsche Hintenrum-Bewerbung mit Unbehagen. Zwar wünschen sich viele der Mitarbeiter einen inhaltlichen Aufbruch, den sie dem 72-jährigen Pöttering nicht zutrauen. Der frühere EU-Parlamentspräsident sonne sich allzu sehr in seiner eigenen Bedeutung, lasse Ideen vermissen und hole sich für alle Neuerungen erst mal das Plazet der Parteizentrale, lautet die Klage. Das Ergebnis sei, dass inzwischen Konkurrenten wie die Bertelsmann-Stiftung die großen politischen Themen setzten.

Welch ein Signal für die mehr als 13.000 Stipendiaten

Doch würde man mit Schavan nicht den Bock zum Gärtner machen? Wie würde es zusammenpassen, eine überführte und uneinsichtige Promotionsbetrügerin ohne akademischen Abschluss an die Spitze einer Bildungsorganisation setzen zu wollen, die sich der Förderung besonders Begabter verschrieben hat? Was wäre das für ein Signal – nach außen, für die 1200 Beschäftigten in den 100 Büros weltweit? Für die vielen Hochschulen und Wissenschaftsbetriebe, mit denen die Stiftung kooperiert? Für die Promotionsstipendiaten (434 derzeit), die geförderten Studenten (2610 momentan) und für die mehr als 13.500 Altstipendiaten?

Bereits vor acht Jahren hatte Schavan mit dem Posten geliebäugelt, schon damals war sie auf Widerstand gestoßen. Zu ehrgeizig, zu eng mit Kirchenkreisen und -dogmatikern verbandelt. Die Rheinländerin leitete die bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk, sie war Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Bundesgeschäftsführerin der Frauen-Union, CDU-Vize, Kultusministerin von Baden-Württemberg – und schwer beleidigt, als nicht sie dem dortigen Regierungschef Erwin Teufel folgen durfte, sondern Günther Oettinger.

"Systematisch und vorsätzlich" betrogen

Als Bildungsministerin unter Merkel erntete Schavan viel Kritik für die Umsetzung des Bologna-Prozesses. In Erinnerung blieb ihre Häme über das Stolpern ihres damaligen Kabinettskollegen Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich seinen Doktortitel mit einem Plagiat erschlichen hatte. Sie schäme sich für diesen Minister, tönte sie damals. Und zwar „nicht nur heimlich“.

Zwei Jahre später stellte sich heraus, dass Schavan bei ihrer Promotion genauso betrogen hatte – und sich dafür nicht im Mindesten schämte. Ihr Werk handelte passenderweise von den „Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“. Der Hochschulrat der Universität Düsseldorf befand, dass sie „systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte“.

Schavan aber zeigte sich uneinsichtig. Sie legte Widerspruch ein, klagte auch beim Verwaltungsgericht – ohne Erfolg. Seither verkündet sie trotzig, dass ihr Böses angetan wurde. Dass es „mit einem irren Menschenbild verbunden“ sei, ihr systematische Täuschung zu unterstellen. Dass sie einen „Angriff auf ihre Integrität“ erlitten und „schauerliche Erfahrungen“ gemacht habe.

Weder ein Examen noch eine andere Berufsqualifikation

Zurücktreten musste sie dennoch. Allerdings bekam Schavan die Demission komfortabel abgefedert – mit einem der höchstdotierten Botschafterposten, der zu vergeben war. Für den Vatikan gilt mit B9 die gleiche Besoldungsstufe wie für die Botschaften in Washington, Paris oder Moskau – trotz eines nicht gerade vergleichbaren Arbeitsaufwandes. Einer Anekdote zufolge soll der frühere Außenminister Joschka Fischer deshalb ebenfalls erwogen haben, seine Laufbahn beim Papst ausklingen zu lassen.

Über den Protest des Auswärtigen Amtes, dass die frühere Ministerin nicht mal die Eingangsvoraussetzungen für einen klitzekleinen Botschafterjob erfülle, sah man großzügig hinweg. Tatsächlich gilt Schavan durch den Entzug ihres Doktortitels nun faktisch als Studienabbrecherin. Sie verfügt weder über ein Examen noch eine andere Berufsqualifikation. Doch mit dem Botschafterjob hat es ja trotzdem geklappt. Warum dann nicht auch der Chefposten einer renommierten Wissenschaftlerschmiede? Die „Äbtissin“ – wie Schavan wegen ihrer kirchlichen Vernetzung und ihres strengen Auftretens genannt wurde – hat dort schließlich auch personalpolitisch vorgesorgt.

Katholizismus, Bildungsklüngel, Frauenunion

Das beginnt mit dem Generalsekretär der Stiftung. Michael Thielen war unter Schavan von 2006 bis 2008 Bildungsstaatssekretär. Seine Frau, Cornelia Quennet-Thielen, folgte ihm nach, sie ist bis heute im Ministerium. Susanna Schmidt, die Leiterin der KAS-Hauptabteilung Begabtenförderung und Kultur wiederum, war Referentin des Cusanuswerks, Direktorin der Katholischen Akademie und von 2006 bis 2014 auch Abteilungsleiterin für Strategie und Grundsatzfragen im Bildungsministerium. Schmidts Ehemann Joachim Hake ist seit 2007 Direktor der Katholischen Akademie.

Katholizismus, Bildungsklüngel, Frauenunion – Schavans Netzwerk scheint nach wie vor verlässlich. Und ihre Kanzlerfreundin kennt sie noch aus dem Umweltministerium. Womöglich liegt es auch daran, dass sich für die KAS bislang lange Zeit kein Gegenkandidat in Position gebracht hat.

Pöttering würde Lammert den Vortritt lassen

Dabei hoffen dort viele auf einen: Norbert Lammert. Und zwar nicht bloß, um Schavan zu verhindern. Der einstige Bundestagspräsident ist bereits KAS-Vize. Er gilt als intellektuell brillant, ideenreich, durchsetzungsstark – und hat sich dieser Tage für den Posten auch, auf für ihn geradezu überschwängliche Art, bereit erklärt: „Wo immer ich Gelegenheit habe, erkläre ich: Ich stehe für den Vorsitz der Adenauer-Stiftung zur Verfügung.“ Die KAS liege ihm „am Herzen“, versicherte Lammert. Und ein nicht einflussloser CDU-Honoratior ist sich sicher: „Das würde den Laden endlich wieder nach vorne bringen.“

Pöttering würde, so ist zu hören, einem Kandidaten Lammert den Vortritt lassen. Doch einer, der die Potenziale der Stiftung ausreizen, sich womöglich auch auf neue Wege wagen würde, wäre für Merkel nicht der Bequemste. Und Lammert ist anders gestrickt als Schavan. Er klüngelt nicht.

Ob das von Nachteil ist, wird sich zeigen.

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 7. November 2017 - einer Publikation des Tagesspiegels, die dienstags erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie jeweils bereits am Montagabend im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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