Anscchläge in Moskau : Kaukasischer Terrorkreis

Nach den Anschlägen in Moskau wird nach Drahtziehern gesucht. Wer wird verdächtigt?

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Es war ein Tag der Trauer. Die Fahnen in Moskau wehten auf halbmast, an den U-Bahnhöfen Lubjanka und Park Kultury legten die Menschen Blumen nieder zündeten Kerzen an und gedachten der Opfer der Selbstmordanschläge.



Wie reagiert die politische Führung?

Nicht nur Regierungschef Wladimir Putin, sondern auch Präsident Dmitri Medwedew kündigten in martialischen Worten ein hartes Vorgehen gegen die Terroristen an: „Ich habe keine Zweifel, dass wir sie finden und sie alle vernichten werden“, sagte Medwedew. Es seien keine Menschen, sondern Bestien. Zugleich verwies er darauf, dass diejenigen, die für den Anschlag auf den Zug „Newski Express“ im November 2009 verantwortlich waren, getötet worden seien: „Kürzlich haben wir sie alle vernichtet, total.“ Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow sagte, die Terroristen müssten „gejagt, in ihren Höhlen aufgespürt und wie Ratten vergiftet“ werden. Rechtsstaatliches Vorgehen fordern Menschenrechtler.

Wer wird verdächtigt, hinter den Anschlägen zu stehen?

Überwachungsvideos zeigen die beiden Selbstmordattentäterinnen an der Metrostation Jugo-Sapadnaja, wo sie in die U-Bahn eingestiegen sind. Die beiden zwischen 20 und 25 Jahre alten Frauen sollen dunkle Kleidung getragen haben; aufgrund ihres Aussehens gehen die Ermittler davon aus, dass sie aus dem Kaukasus stammen. Gesucht wird nun nach zwei Frauen, die die „schwarzen Witwen“ begleitet haben sollen – sie sähen „slawisch“ aus, hieß es.

Der Doppelanschlag könnte russischen Medienberichten zufolge ein Racheakt für die Tötung eines tschetschenischen Islamisten sein. Alexander Tichomirow, der sich nach seiner Konversion zum Islam Said Burjatskij nannte, galt als Chefideologe der islamistischen Gotteskrieger. Anfang März verkündete der Chef des russischen Geheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, der „Topterrorist“ Burjatskij sei in Inguschetien getötet worden. Bei ihm seien Beweise dafür gefunden worden, dass er hinter dem Anschlag auf den „Newski Express“ stehe. Präsidenten Medwedew wiederum lobte die „Vernichtung der Banditen“. Nach einem Bericht der Zeitung „Kommersant“ hat Burjatskij 30 Selbstmordattentäterinnen ausgebildet, neun dieser „schwarzen Witwen“ hätten bereits Anschläge verübt.



Worum geht es in dem Konflikt?

Die Kämpfer im Nordkaukasus wollen ein islamisches „Emirat“, einen Gottesstaat errichten. „Unser Endziel ist die Einführung der Scharia im Kaukasus, die Unabhängigkeit des Kaukasus und freier Islam im Kaukasus“, erklärte der Extremistenführer und selbsternannte Emir Doku Umarow (siehe Bild oben). Der bärtige Mann in militärischer Kleidung und schwarzer Mütze kündigte vor sechs Wochen in einem Video an, den Terror ins russische Kernland zu tragen: „Die Zone militärischer Operationen wird auf das Territorium Russlands ausgedehnt.“ Die russischen Bürgern sollten nicht glauben, der Konflikt sei weit weg: „Der Krieg wird in ihre Straßen kommen, der Krieg wird in ihre Häuser kommen.“ Unklar ist, wie viele Kämpfer er tatsächlich hat. In der Vergangenheit kämpften auch viele Tschetschenen gegen die russische Staatsmacht, die nicht unbedingt einen Gottesstaat wollen. Doch die radikalen Islamisten haben offenbar gegenüber rein separatistischen Strömungen an Boden gewonnen. Inzwischen ist der gesamte Nordkaukasus von dem Konflikt betroffen. Besonders angespannt ist die Lage in Inguschetien und Dagestan. Fast täglich gibt es Anschläge auf Vertreter der Staatsmacht.


Gibt es auch Kontakte zum internationalen Terrorismus?

Die russischen Behörden gehen davon aus, dass die Islamisten im Nordkaukasus Kontakte zu Al Qaida haben. In Afghanistan etwa kämpften auch mehrere Tschetschenen. Außenminister Sergej Lawrow wollte daher nicht ausschließen, dass die Drahtzieher des Moskauer Anschlags Unterstützung aus dem Ausland erhalten haben könnten. Im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet würden Anschläge geplant, die dann in anderen Ländern ausgeführt würden, sagte Lawrow. „Manchmal reichen diese Planungen bis in den russischen Kaukasus.“



Wie reagiert der russische Staat?

Die russischen Truppen und die kremltreuen lokalen Sicherheitskräfte sind bei dem Versuch, die unruhige Region zu befrieden, mit größtmöglicher Härte vorgegangen – auch gegen die Zivilbevölkerung. Folter, Willkürhaft und Mord durch staatliche Akteure waren und sind in der Region an der Tagesordnung. Zwei Kriege hat Moskau bereits in Tschetschenien geführt. Im vergangenen Jahr erklärte der Kreml den Konflikt für beendet. Doch die Gewalt geht weiter. Der tschetschenische Präsident Kadyrow, der einst mit den Separatisten gegen Moskau kämpfte und später die Seiten wechselte, wird beschuldigt, für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu sein. Medwedew ernannte vor kurzem einen Sonderbeauftragten für den Nordkaukasus. Doch ob dies ein neuer Anlauf für eine politische Lösung sein kann, ist zweifelhaft. Vor dem Hintergrund des jüngsten Anschlags erscheint es wahrscheinlicher, dass der Staat wieder einmal auf Härte setzt.

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