Politik : ANSCHLÄGE AUF US-BOTSCHAFTEN IN AFRIKA: "Fragen Sie mich nichts"

JOHN NYAGA CHEGE MBITIRU (AFP AP)

NAIROBI .Das Zentrum von Nairobi gleicht einem Schlachtfeld: Blutüberströmte Menschen versuchen verzweifelt, vorbeifahrende Autos anzuhalten und von ihnen ins Krankenhaus gebracht zu werden.Von dem mehrstöckigen Gateway House, das neben der US-Botschaft stand, ist nur noch ein Trümmerhaufen übrig; überall steigen Rauchsäulen auf.In einem Umkreis von 300 Metern gibt es keine heilen Fensterscheiben mehr.An einigen Straßenecken liegen verkohlte Leichen.

Mindestens 60 Menschen sind dem Bombenanschlag auf die US-Botschaft zum Opfer gefallen, der am Vormittag die kenianische Hauptstadt erschütterte.Fast zeitgleich explodierte auch vor der US-Botschaft in der Hauptstadt des Nachbarlandes Tansania eine Bombe.Das kenianische Fernsehen berichtet von mehreren hundert Verletzten, die zum Teil noch unter den Trümmern der eingestürzten Häuser lebendig begraben sind.

US-Marineinfanteristen, mit kugelsicheren Westen und schwer bewaffnet, umstellen die Botschaft und versuchen, von überall heranströmende Menschen zurückzudrängen."Fragen Sie mich nichts, wir versuchen, Menschen zu retten", schreit ein Botschaftsangestellter einen Journalisten an.Die gewaltige Explosion erfaßt die Rückseite der US-Botschaft an der Ecke Moi Avenue/Haile Selassie Avenue.Durch die Druckwelle stürzen die Decken in den Büros ein, Fenster zerbersten.Mindestens sechs Autos gehen nach der Explosion in Flammen auf, von ihnen bleiben nur schwelende Trümmer und Metallstücke.

"Wir waren völlig geschockt, als plötzlich die Decken über uns einstürzten", sagt Roy Mugo, der sich mit letzter Not aus dem angrenzenden 25stöckigen Hochhaus retten konnte.Andere Augenzeugen berichten, Dutzende von Menschen seien noch in dem Hochhaus eingesperrt.Entweder seien sie schwer verletzt und bewegungsunfähig oder Trümmer versperrten ihnen den Weg ins Freie.

An der Unglücksstelle laufen Tausende planlos umher, die Helfer der Bergungsmannschaften versuchen, sich, so schnell es geht, durch das Chaos einen Weg zu den Opfern zu bahnen.Einige Helfer verwenden Teile der eingestürzten Decken als Tragen für Verletzte.In der Nähe des Unfallortes steht ein ausgebrannter Bus.Der Fahrer wurde vermutlich von umherfliegenden Splittern am Kopf getroffen.Sein lebloser Körper sitzt, auf das Lenkrad gestützt, noch immer in dem Bus.

In Daressalam wurde das amerikanische Botschaftsgebäude nach Augenzeugenberichten zu zwei Dritteln zerstört.Kräne werden eilig an den Tatort gebracht, um die Trümmer abzuräumen und nach Überlebenden zu suchen.Viele Autos stehen in Flammen.Augenzeuge Jim Owens, der zum Zeitpunkt der Explosion in der Botschaft an einer Konferenz teilnahm, sagt dem US-Sender CNN, daß sich Amerikaner unter den Todesopfern befänden."Glas flog herum ...Ich fand mich plötzlich eineinhalb Meter von meinem Sitzplatz entfernt wieder", berichtete er.Eine Frau sei verletzt worden, als eine Mauer auf sie stürzte, einer anderen sei die Nase abgerissen worden.

In amerikanischen Botschaften in aller Welt lösten die Anschläge Besorgnis aus.Die Sicherheitsvorkehrungen wurden vielerorts massiv verstärkt.In Kampala, der Hauptstadt des Nachbarstaats Uganda, wurde das Personal der US-Vertretung evakuiert.Der amerikanische UNO-Botschafter Richardson sagte CNN: "Wir können nur sagen, daß wir es nicht tolerieren werden, wenn unsere Leute oder Botschaften zur Zielscheibe werden." Unter den Verletzten ist auch die amerikanische Botschafterin Prudence Bushnell.US-Vertreter erklärten, sie sei nur leicht verletzt worden und am Nachmittag schon wieder bei der Arbeit.Ein Sprecher von US-Präsident Clinton sagte, in Nairobi sei eine noch nicht genau feststehende Zahl von Amerikanern getötet worden.Nach Berichten vom Abend kamen in der tansanischen Hauptstadt Daressalam insgesamt sechs Menschen ums Leben.Zwei weitere Opfer seien im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen erlegen, hieß es von ärztlicher Seite.

Der Hintergrund der Anschläge war zunächst unklar.Zwar ließen weder die US-Regierung noch der kenianische Präsident Daniel arap Moi Zweifel daran, daß es sich um Terroranschläge handelte.Warnungen hatte es offenbar nicht gegeben, und zunächst bekannte sich niemand zu den Bluttaten.

Einen Hinweis könnte allerdings ein Bericht der arabischsprachigen Londoner Tageszeitung "Al-Hayat" bringen.Das Blatt schrieb in seiner Donnerstagausgabe, die fundamentalistische Untergrundorganisation Islamischer Jihad habe in der vergangenen Woche Anschläge auf amerikanische Einrichtungen angekündigt, weil mehrere ihrer Mitglieder in Albanien festgenommen und an Ägypten ausgeliefert worden seien.Diese Theorie könnte von der Aussage eines AP-Fotografen untermauert werden, der beobachtete, wie im Zusammenhang mit dem Anschlag in Nairobi ein arabisch sprechender Mann festgenommen wurde.

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