Politik : „Anschläge gegen Juden liegen in unserer Natur“

Wie aus einem Jordanier palästinensischer Abstammung ein Terrorist in Deutschland wurde

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Diese Geschichte beginnt 1995. Shadi Abdalla, ein damals 18-jähriger Jordanier palästinensischer Abstammung, hat genug vom Elternhaus. Es gibt ständig Streit, mal wegen schlechter Leistungen in der Schule, dann, weil er immer noch keine Arbeit hat. Shadi Abdalla bricht mit einem väterlichen Freund, dem zwölf Jahre älteren Abu Dhess, nach Europa auf. Abu Dhess wird sich in der Revierstadt Essen niederlassen, Shadi Abdalla in Brüssel. Sein Asylantrag wird abgelehnt. Er geht nach Essen, wo ihn Abu Dhess so gut instruiert, dass er jetzt bei den deutschen Behörden um Asyl nachsucht. Der Asylantrag wird auch abgelehnt, aber aus humanitären Gründen darf Shadi Abdalla in Deutschland bleiben.

Er lebt unter falschem Namen, mit wenig Geld und wenig Kontakten in unterschiedlichen Städten. Er rutscht sozial ab, spricht kaum Deutsch, gerät in schlechte Gesellschaft. Alkohol und Drogen bieten ihm den Stoff zur Flucht in die Träume, das nötige Geld verdient er sich zum Teil als Stricher. Irgendwann lernt er in Krefeld eine muslimische Gemeinde kennen. Anfangs geht er weniger zum Beten in die Moschee, eher zum Essen. Das ändert sich. Er trinkt weniger Alkohol, nimmt weniger Drogen, hin und wieder sucht er jetzt Halt im Gebet. Dann kommt der Tag, an dem er in der Moschee einen Hinweis auf eine Pilgerreise nach Mekka findet, das Höchste für einen Moslem. Shadi Abdalla ist interessiert, hat aber nicht genügend Geld. Das wird über den Moscheeverein organisiert, und plötzlich sitzt er im Flugzeug nach Teheran. Dort schwärmt man ihm von einem anderen Ziel vor: Afghanistan. Shadi wird über Pakistan illegal nach Afghanistan geschleust und landet in einem Ausbildungslager der Al Qaida. Abu Hafs nimmt sich seiner an; wie wir heute wissen, einer der gefährlichsten Männer der Organisation, er steht in der Hierarchie nicht weit unter Osama bin Laden. Im Lager lernt er den Umgang mit Waffen, man bringt ihm bei, wie man mit einfachen Hilfsmitteln Bomben baut. Noch eines steht auf dem Ausbildungsplan: wie man sich in Europa tarnt. 2001 wird Shadi Abdalla nach Deutschland zurückgeschickt. Den Behörden fällt nicht auf, dass er monatelang weg und sogar in einem Ausbildungscamp der Al Qaida war. Mit Abu Dhess lebt er am Rande der deutschen Gesellschaft, Halt finden sie in ihrem fanatischen Glauben. Sie haben Kontakt zu Al Sarkawi, bin Ladens Stellvertreter im Irak. Von ihm erhalten sie ihre Befehle. Die US-Geheimdienste hören mit: Am 18. September 2001 bietet sich Abu Dhess als Märtyrer an, er will bei einem Anschlag in Deutschland sterben; als Ziel sollen vor allem die Juden in der Bundesrepublik dienen. „Anschläge gegen Juden zu verüben, liegt in der Natur der Palästinenser“, wird Shadi Abdalla später sagen. Man beschafft sich Waffen, spioniert mögliche Ziele in Berlin und Düsseldorf aus. Was die Gruppe nicht weiß: Die Behörden lauschen mit, sie werden festgenommen.

Shadi Abdalla wird zu vier Jahren Haft verurteilt, er hat sich als einziger aus der Gruppe entschieden, mit den deutschen Behörden zu kooperieren. Er sagt umfassend aus, sowohl die deutschen als auch die amerikanischen Dienste erfahren viel über die Strukturen von Al Qaida und Al Tawhid. Shadi Abdalla tritt als Kronzeuge gegen vier seiner Gesinnungsfreunde auf – unter ihnen Abu Dhess. Die vier Männer werden zu Haftstrafen zwischen fünf und acht Jahren verurteilt.

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