Anschläge von Moskau : Die Schwarze Witwe aus Dagestan

Eine Siebzehnjährige soll eine der Selbstmordattentäterinnen von Moskau sein. Führt eine Spur auch nach Georgien?

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Die siebzehnjährige angebliche Attentäterin. -Foto: AFP

Die Zahl der Toten wächst noch weiter: Vierzig Menschen kamen durch die Terroranschläge in der Moskauer Metro am Montag ums Leben, und von den 87 Verletzten, die in den Krankenhäusern liegen, schweben einige nach wie vor in Lebensgefahr. Über die Motive der Anschläge sind sich Politiker, Experten und Ermittler nach wie vor so uneins wie beim Krisenmanagement. Am Osterwochenende prägte vor allem das Gesicht einer Siebzehnjährigen die Berichte zu den Mordtaten: Die junge Frau namens Dschennet Abdurachmanowa soll eine der beiden Selbstmordattentäterinnen gewesen sein. Wie die Tageszeitung „Kommersant“ berichtete, soll es sich um die Witwe eines radikalen Islamisten handeln, der bei einer Sonderoperation in der nordkaukasischen Teilrepublik Dagestan vor wenigen Wochen erschossen worden war. Die zweite Attentäterin soll aus Tschetschenien stammen. Zweifelsfrei geklärt ist die Täterschaft aber noch nicht.

Abdurachmanowa – so sie denn wirklich den Anschlag verübte – gehört zu jenen „Schwarzen Witwen“ aus dem Nordkaukasus, auf deren Konto eine Reihe von Anschlägen in den letzten zehn Jahren ging. Über das Internet soll sie Umalat Magomedow kennengelernt haben, auch bekannt als „Emir von Dagestan“. Laut „Kommersant“ wurde sie zum Zusammenleben mit dem radikalislamischen Rebellen gezwungen, und nach dessen Tod im Dezember zur Selbstmordtat in Moskau. Doch passt es dazu, dass bei der Toten aus Dagestan ein auf Arabisch verfasster Liebesbrief gefunden wurde?

Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen sind beide Anschläge sowie zwei weitere am Mittwoch im dagestanischen Kisljar, bei denen zwölf Menschen starben und 37 verletzt wurden, wohl ein Racheakt der Extremisten für den Tod von Alexander Tichomirow alias Said Burjatski. Der 28-jährige, zum Islam konvertierte Russe aus der ostsibirischen Teilrepublik Burjatien war, bevor er Anfang März bei einer Sonderoperation vom Inlandsgeheimdienst FSB gegen die Untergrundkämpfer getötet wurde, für die Rekrutierung und Ausbildung von Selbstmordattentätern im gesamten Nordkaukasus zuständig.

Neben der nordkaukasischen Spur gehen die Ermittler inzwischen auch einer georgischen nach. Der Grund: Ein georgischer TV-Kanal hatte ein Bekennervideo von Doku Umarow ausgestrahlt, eines tschetschenischen Feldkommandeurs, der sich 2006 zum Emir – zum geistlichen und militärischen Führer – eines imaginären nordkaukasischen Gottesstaates wählen ließ, welcher sich vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer erstreckt. Magomedow wiederum soll ein Vertrauter Umarows gewesen sein. Russische Medien hatten Umarow nach Sonderoperationen der Geheimdienste zwar schon öfters für tot erklärt, Websites der Separatisten dagegen meldeten, er und seine Kämpfer hielten sich in der georgischen Pankissi-Schlucht auf, die an den russischen Nordkaukasus grenzt. Dorthin hatten sich Einheiten der Separatisten schon 1999, zu Beginn von Moskaus zweitem Tschetschenienkrieg, zurückgezogen, russische Flugzeuge daraufhin georgische Dörfer angegriffen.

Die Bomben waren der erste Schritt im Zerwürfnis Russlands mit Georgien, das im August 2008 zum heißen Krieg eskalierte. Beider Verhältnis ist nach wie vor extrem gespannt, Dumapräsident Boris Gryslow und der Koordinator des Nationale Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, forderten daher, der „georgischen Spur“ mit Entschiedenheit nachzugehen.

Unabhängige Kaukasusexperten wie Sergej Markedonow dagegen halten diese Version für Unfug. Zwar verfolge Georgien die nationale Emanzipation der nordkaukasischen Völker mit Sympathie, sei zu praktischer Unterstützung jedoch nicht bereit, solange der Kampf um nationale Unabhängigkeit unter dem Banner des Islam geführt wird, sagte er.

Auf die islamische Komponente aber kann die Guerilla aus Sicht von Andrei Babitzki, einem der profundesten Kenner der Region, allein schon deshalb nicht verzichten, weil sie der kleinste gemeinsame Nenner der Separatisten im russischen Nordkaukasus ist. Besser gesagt: Sie ist der einzige. Denn die Region ist ein ethnischer Flickenteppich, wo über hundert Volksgruppen sich seit Jahrhunderten erbitterte Kämpfe um das knappe Acker- und Weideland liefern.

Russlands Präsident Dmitri Medwedew zeigte mit einem Blitzbesuch im Konfliktgebiet Handlungswillen. „Alle Staaten sollten im Anti-Terror-Kampf über eine Ausweitung ihrer Mittel nachdenken“, forderte er. Bislang hatte Medwedew in der Region vor allem auf Wirtschaftsförderung und die Schaffung von Arbeitsplätzen gesetzt. Dafür könnte es jetzt zu spät sein. Denn die Rebellen haben sich nach Ansicht von Beobachtern wie Babitzki weiter radikalisiert. mit AFP

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