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Anschlag auf Club Reina in Istanbul : Türkei fahndet nach einem "bewaffneten Terroristen"

Der Attentäter von Istanbul ist weiter auf der Flucht. Die türkischen Behörden halten sich mit Verdächtigungen auffällig zurück. Unter den Getöteten sind viele Ausländer.

Julian Heißler
Am Tatort: Polizisten vor dem Nachtclub Reina in Istanbul
Am Tatort: Polizisten vor dem Nachtclub Reina in IstanbulFoto: AFP/Yasin Akgul

Mit einem massiven Aufgebot suchen die türkischen Sicherheitsbehörden den flüchtigen Täter des Anschlags auf den Istanbuler Nachtclub Reina. Ministerpräsident Binali Yildirim ließ am Sonntag offen, in welche Richtung ermittelt werde, er sprach lediglich von einem "bewaffneten Terroristen". Eine Bekennernachricht lag zunächst nicht vor.

Bei dem Anschlag auf den exklusiven und bei der türkischen Oberschicht sehr beliebten Nachtclub waren in der Silvesternacht 39 Menschen getötet worden, 24 von ihnen waren Ausländer.

Die Ermittler arbeiteten "mit Nachdruck" daran, den Täter zu identifizieren, sagte Yildirim. Innenminister Süleyman Soylu sagte, der Attentäter habe sein Gewehr unter einem Mantel verborgen und womöglich die Kleidung gewechselt, bevor er den Club verließ. "Ich hoffe, er wird schnell gefasst, so Gott will."

Zuletzt hatte es in der Türkei immer wieder Anschläge gegeben, die auf das Konto der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) oder kurdischer Extremisten gingen. Im Falle des Nachtclub-Anschlags vermieden die Behörden zunächst Schuldzuweisungen, sie benannten keine Verdächtigen.

Von kurdischer Seite wurde die Verantwortung für das Attentat abgewiesen. Die Agentur Firat, die der verbotenen Kurdenpartei PKK nahesteht, zitierte deren Chef Murat Karayilan mit der Aussage, dass keine kurdische Gruppierung hinter der Tat stecke.

Die Mehrzahl der Getöteten kam aus dem Ausland. Die türkische Familienministerin Fatma Betul Sayan Kaya sagte, es seien vor allem Bürger arabischer Staaten unter den Opfern. Nach amtlichen Angaben waren darunter Staatsbürger Belgiens, Frankreichs, Tunesiens, Israels, Indiens, Saudi-Arabiens, des Libanon, Jordaniens, des Irak und Libyens. Deutsche Opfer wurden zunächst nicht bestätigt.

Viele Krankenwagen und enteilende Menschen in der Nähe des Nachtclubs Reina.
Viele Krankenwagen und enteilende Menschen in der Nähe des Nachtclubs Reina.Foto: Reuters/Stringer

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte ein entschlossenes Vorgehen gegen jede Form des Terrorismus an. Das Land werde vereint und mit kühlem Kopf bis zum Ende kämpfen und sich nicht ins Chaos stürzen lassen, hieß es in einer Erklärung Erdogans.

Merkel und Steinmeier verurteilen Anschlag

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat den Anschlag als abscheuliche und barbarische Tat scharf verurteilt. Alle Terrorakte seien verbrecherisch und durch nichts zu rechtfertigen, unabhängig von ihrer Motivation, teilte der Sicherheitsrat am Sonntag (Ortszeit) mit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte das Attentat von Istanbul einen "menschenverachtenden und hinterhältigen Anschlag". "Ich verurteile diesen Anschlag und übermittele Ihnen mein Beileid", schrieb die Kanzlerin nach Angaben des stellvertretenden Regierungssprechers Georg Streiter am Sonntag an Erdogan. Ihre Gedanken seien "bei den Opfern, Ihren Familien und Freunden". Auch Bundespräsident Joachim Gauck sprach dem türkischen Präsidenten sein Beileid aus.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich ebenfalls erschüttert von dem Anschlag. "Wieder sind in der Türkei unschuldige, junge Menschen Opfer eines grausamen und feigen Anschlags geworden, die einfach nur wie Millionen andere überall auf der Welt zum Jahreswechsel eine gute und unbeschwerte Zeit miteinander verbringen wollten", erklärte der Außenminister. "Wir verurteilen die Tat und jede Form des Terrorismus in aller Schärfe."

Spurensuche im Nachtclub Reina am Bosporus-Ufer in Istanbul nach der tödlichen Attacke in der Neujahrsnacht.
Spurensuche im Nachtclub Reina am Bosporus-Ufer in Istanbul nach der tödlichen Attacke in der Neujahrsnacht.Foto: AFP

Waffe mit großer Reichweite

Der Angreifer benutzte offenbar ein Sturmgewehr. Gouverneur Sahin sprach von einer Waffe mit großer Reichweite. Damit sei "brutal und grausam" in die Menge gefeuert worden. Zur Zeit der Attacke befanden sich 500 bis 600 Menschen in dem Club, wie der TV-Sender CNN Türk berichtete. Manche seien ins Wasser gesprungen, um ihr Leben zu retten. Sie seien später von der Polizei in Sicherheit gebracht worden.

Der Besitzer des Reina-Clubs, Mehmet Kocarslan, sagte der Zeitung "Hürriyet" zufolge, dass nach Berichten über mögliche Anschläge die Sicherheitsvorkehrungen in den vergangenen zehn Tagen verstärkt worden seien. "Unser Herz blutet", schrieb er auf seiner Facebook-Seite. Der Club befindet sich auf der europäischen Seite von Istanbul im weltoffenen Stadtviertel Ortaköy. Er ist dort eine bekannte Ausgehadresse inmitten anderer Nachtclubs, Restaurants und Kunstgalerien.

Justizminister Bekir Bozdag teilte auf Twitter mit: „Das ist ein hinterhältiger und verräterischer Terroranschlag gegen unsere Türkei, unseren Frieden, unsere Einheit, unsere Brüderlichkeit und gegen uns alle.“ Der Kampf gegen den Terror werde „entschlossen“ weitergeführt.

Am Morgen danach: Der Nachtclub Reina in Istanbul, am Ufer des Bosporus. In der Neujahrsnacht war der Club Schauplatz einer bewaffneten Attacke mit vielen Toten und Verletzten.
Am Morgen danach: Der Nachtclub Reina in Istanbul, am Ufer des Bosporus. In der Neujahrsnacht war der Club Schauplatz einer...Foto: Reuters

Aus Angst vor möglichen Anschlägen waren in der Silvesternacht türkischen Medienberichten zufolge 17.000 Polizisten in Istanbul im Einsatz. An der zentralen Ausgehmeile Istiklal Caddesi kontrollierten Sicherheitskräfte die Zugänge und durchsuchten Taschen.

Die deutsche Botschaft in der Türkei hatte angesichts der Terrorgefahr mitgeteilt: „Die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen und Festlichkeiten an Silvester und Neujahr sollte verantwortungsvoll geprüft werden.“

Trauer und Anteilnahme

Papst Franziskus betete in Rom für die Opfer. „Leider hat die Gewalt auch wieder in dieser Nacht der Wünsche und der Hoffnung zugeschlagen“, sagte der Pontifex beim traditionellen Angelusgebet auf dem Petersplatz vor rund 50.000 Gläubigen. Er sei im Gebet nahe bei den Familien der Angehörigen, bei den Verletzten und bei dem gesamten türkischen Volk.

Das Auswärtige Amt äußerte auch per Kurznachrichtendienst Twitter seine Anteilnahme.

Die EU-Außenbeauftragte Frederica Mogherini schrieb auf Twitter: "2017 startet mit einem Angriff in Istanbul. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen. Wir arbeiten weiter daran, solche Tragödien zu verhindern."

Die US-Regierung sprach von einer Gräueltat ausgerechnet an Silvester, was die Brutalität der Angreifer nur noch unterstreiche. "Wir bekräftigen die Unterstützung der USA für die Türkei, unserem Nato-Verbündeten, in unserer gemeinsamen Entschlossenheit, alle Arten von Terrorismus zu bekämpfen und zu besiegen", erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Ned Price. US-Präsident Barack Obama sprach der Türkei in einer ersten Reaktion sein Beileid aus und bot den Behörden des Nato-Partners Unterstützung an, wie Obamas Sprecher mitteilte.

Putin sagt Erdogan Unterstützung zu

Der russische Präsident Wladimir Putin sagte der Türkei seine Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus zu. „Es ist unsere Pflicht, entschlossen Widerstand gegen die terroristische Aggression zu leisten“, schrieb der Kremlchef am Neujahrstag in einem Telegramm an seinen türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan.

„Es ist schwer, sich ein zynischeres Verbrechen vorzustellen als den Mord an Zivilisten auf dem Höhepunkt des Neujahrsfestes“, schrieb Putin einer Mitteilung des Kremls zufolge. Nach einem Zerwürfnis wegen des Abschusses eines russischen Kampfjets 2015 durch die Türkei hatten sich Moskau und Ankara zuletzt wieder angenähert.

Reihe von Anschlägen und Attentaten

In Istanbul hatte es zuletzt vor knapp drei Wochen einen Doppelanschlag mit Bomben gegeben. Dabei waren mehrere Dutzend Menschen getötet worden, darunter vor allem Polizisten. Zu der Tat bekannten sich die Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), eine radikale Splittergruppe der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Blick auf den Nachtclub Reina in Istanbul (Archivbild von 2015)
Blick auf den Nachtclub Reina in Istanbul (Archivbild von 2015)Foto: dpa/Depo Photos

Am 17. Dezember wurden bei einem Anschlag auf einen Bus im zentraltürkischen Kayseri 14 Soldaten getötet und 56 weitere Menschen verletzt. Auch zu dieser Tat bekannten sich die Freiheitsfalken.

Am 19. Dezember wurde der russische Botschafter in der Türkei, Andrej Karlow, von einem türkischen Polizisten erschossen, der seine Tat mit Russlands Vorgehen in Syrien begründete. (mit AFP, dpa, Reuters)

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