Politik : Anschlag auf Polizeistation in Tschetschenien

Sprengsatz in der Hauptstadt Grosny tötet mehr als 20 Menschen / Ermittler gehen von Insiderwissen der Attentäter aus

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Moskau. Bei einer Explosion in einer Polizeistation der tschetschenischen Hauptstadt Grosny sind mindestens 24 Menschen getötet worden. 18 weitere wurden schwer verletzt, als am Donnerstag kurz nach 17 Uhr Ortszeit ein Sprengsatz detonierte.

Der Anschlag vom Donnerstagabend ist nach dem Abschuss eines Kampfhubschraubers im August, bei dem 117 russische Soldaten ums Leben kamen, der bisher folgenschwerste in diesem Jahr und geht nach Erkenntnissen von Ermittlern des russischen Geheimdienstes FSB eindeutig auf das Konto der tschetschenischen Separatisten. Ort und Zeitpunkt lassen auf Insiderwissen der Attentäter schließen: In dem vierstöckigen Gebäude der Polizeidirektion, das durch die Explosion fast völlig zerstört wurde, fand gerade eine Beratung von Dienststellenleitern und anderen hohen Offizieren der tschetschenischen Miliz statt.

Zwar bezeichnete der Chef der Stadtkreisverwaltung für innere Angelegenheiten, Oberst Said-Selim Peschchojew, Äußerungen von Medien, die von Verrat aus den Reihen der tschetschenischen Polizei ausgehen, als unkorrekt. Bei der Einstellung herrsche eine strenge Auslese, die Anforderungen an Bewerber seien sehr viel höher als in anderen russischen Regionen. Dennoch forderte die von Moskau eingesetzte Verwaltung Tschetscheniens bereits schärfere Überprüfungen für alle Mitarbeiter der inneren Organe Tschetscheniens. Die Tragödie habe ein weiteres Mal gezeigt, dass sich aktive Kämpfer oder deren Sympathisanten als loyale Bürger tarnen. Auch in anderen strategisch wichtigen Branchen wie der Erdölförderung müssten Kontrollen und Überprüfungen daher verstärkt werden, sagte der tschetschenische Premier Stanislaw Iljassow der Moskauer Nachrichtenagentur Interfax.

Beobachter gehen davon aus, dass die Separatisten Moskau mit dem Anschlag an den Verhandlungstisch zwingen wollen. Erst im August hatte Tschetschenen-Präsident Aslan Maschadow dem Kreml erneut Gesprächsbereitschaft signalisiert. Moskau, das vor drei Jahren seinen zweiten, offiziell als Anti-Terror-Operation deklarierten Krieg gegen die abtrünnige Teilrepublik begann, lehnt bisher jedoch ab. Erst am Freitag sagte der Oberkommandierende der Truppen des Innenministeriums, Wjatscheslaw Tichomirow, einer der Wortführer der Falkenfraktion, gegenüber Interfax, Verhandlungen mit den Separatisten, um die Lage in der Republik zu stabilisieren, würden mehr Schaden als Nutzen bringen. Mit Verbrechern könne es keine Kompromisse geben. Elke Windisch

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