Anschlag auf US-Flugzeug : Der brennende Mann

Dass der Sprengstoffanschlag an Bord des Flugs 253 verhindert werden konnte, war nicht den Sicherheitskräften zu verdanken, sondern der Entschlossenheit mitreisender Passagiere. Sie retteten den 278 Fluggästen und elf Besatzungsmitgliedern das Leben.

Christoph von Marschall[Washington]
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Alarmstufe eins. Fluggäste werden nach dem vereitelten Anschlag penibeln Kontrollen unterzogen, wie hier auf dem Amsterdamer...X00410

Der Held auf dem Flug 253 von Amsterdam nach Detroit hatte kein spezielles Sicherheitstraining. Er war kein professioneller Air-Marshall, wie sie seit den Terroranschlägen mit gekaperten Flugzeugen im September 2001 immer wieder mitfliegen, um Passagiere vor Attentätern an Bord zu schützen. Der Held war nicht mal ein Amerikaner. Am Wochenende feierten die US-Medien Jasper Schuringa, einen Videofilmer aus Amsterdam, als den Mann, der 278 Passagiere und elf Besatzungsmitglieder vor dem Tod bewahrt hatte. Er war auf dem Weg in den Urlaub in Florida. In Detroit wollte er nach Miami umsteigen.

Schuringa hatte in Reihe 21 in der rechten Hälfte der Mittelsitze gesessen. Als er sah, wie aus dem Schoß eines Mannes auf dem Fensterplatz 19A, zwei Sitzreihen vor ihm, Flammen züngelten und Rauch quoll, „da bin ich ausgerastet“, sagte er später CNN. „Mein einziger Gedanke war: Der Typ versucht das Flugzeug in die Luft zu sprengen.“ Mitreisende berichten, Schuringa sei über die Sitzlehnen und andere Passagiere hinweggeklettert, habe sich auf den Verdächtigen geworfen und versucht, mit seinem Körper und seinen Händen sowohl die Flammen auszudrücken als auch den Mann an jeder Bewegung zu hindern.

Amerika habe seit 2001 viele Milliarden Dollar für Terrorabwehr, raffinierte Sicherheitsmaßnahmen und aufwendige Geheimdienstoperationen zur Informationsbeschaffung ausgegeben, schrieb die „New York Times“ am Sonntag. „Doch was uns diesmal vor einem Desaster rettete, war viel einfacher: die Aufmerksamkeit und der Mut von Passagieren.“ Katastrophenschutzministerin Janet Napolitano sagte: „Ich bin den Passagieren dankbar, deren rasche und heldenhafte Reaktion ein Unglück mit tragischem Ausgang verhindert hat.“ Die „Washington Post“ schrieb: „Die Zeitspanne, in der sich das Entsetzen in die Erleichterung über eine verhinderte Katastrophe wandelte, dauerte nur wenige Minuten. Aber der Schock und die Bilder, die in ihrem Kopf ablaufen, begleiten die Betroffenen noch lange nach der sicheren Landung.“ Immer wieder wird der Vergleich mit dem „Schuhbomber“ Richard Reid gezogen, der 2001 kurz vor Weihnachten einen Passagierjet über dem Atlantik in die Luft jagen wollte – den Sprengstoff hatte er in einer Schuhsohle versteckt. Auch damals hatten sich Passagiere auf ihn gestürzt und verhindert, dass er den Sprengsatz zündete.

In diesen Minuten der Entscheidung an Bord war zunächst eine kleine Panik in der unmittelbaren Umgebung von Platz 19A ausgebrochen. Manche Menschen aus den umliegenden Sitzen flohen vor dem Feuer in den vorderen Teil der Maschine. Eine Frau schrie: „Was tun Sie da?“ Andere riefen „Feuer!“. Einige halfen Schuringa, den Attentäter festzuhalten. Der habe sich freilich gar nicht gewehrt, sondern alles passiv mit sich geschehen lassen und nicht einmal ein Wort von sich gegeben, erzählen Augenzeugen.

Das Feuer, sagt Schuringa, sei zunächst stärker geworden, deshalb habe er den Mann aus seinem Sitz in den Gang gezerrt. Stewardessen kamen mit Feuerlöschern und erstickten die Flammen. Dann wurde der Verdächtige in die Erste- Klasse-Kabine geführt, durchsucht und gefesselt. Bald stellte sich dessen Identität heraus: Umar Faruk Abdulmutallab, ein 23-jähriger Nigerianer.

David Schilke, ein 53-jähriger US-Bürger, der bei Ford in der Abteilung Informationstechnologie arbeitet, saß ebenfalls zwei Reihen hinter Abdulmutallab. „Es war schockierend mitanzusehen. Der Typ saß da regungslos mitten in dem Feuer, kämpfte nicht gegen die Flammen an seinem Körper, wehrte sich nicht.“

Richard Griffith, ein 41-Jähriger aus Pontiac, Michigan, reiste weiter hinten im Flugzeug. Er erzählt, dort habe man zwar ein paar laute „Plopps“ gehört – ungefähr so, als ob Knallfrösche in einem Schrank explodierten. Panik sei in seiner Umgebung aber nicht ausgebrochen. Man habe auch gar nicht sehen können, was vorgeht. Später habe er den direkten Sitznachbarn von Abdulmutallab getroffen. Der habe ihm gesagt, der Mann habe mit niemandem gesprochen und den ganzen Flug nur stumm da gesessen. Etwa vier Stunden nach dem Start, über der Mitte des Atlantiks, sei er auf die Toilette gegangen und dann noch einmal etwa eine halbe Stunde vor dem vereitelten Anschlag. Er habe gedacht, der Mann wolle sich die Zähne putzen.

Ein FBI-Mann stellte es später am Boden beim Antrag auf Haftbefehl so dar: Abdulmutallab sei bei diesem zweiten Mal 20 Minuten lang in der Toilette geblieben. Offenbar traf er dort die Vorbereitungen. Dann sei er zu seinem Sitz zurückgekehrt, habe sich in eine Decke eingewickelt und gemurmelt, er habe einen kranken Magen. Kurz darauf ertönten die „Plopps“ und kam Rauch aus der Decke.

Die Körperstellen, an denen Abdulmutallab das explosive Material verbarg, meinen die Ermittler inzwischen herausgefunden zu haben. Er habe ein Behältnis mit Pentaerythrittetranitrat (PETN) mit Heftpflaster an einem Bein befestigt. Und eine Plastikspritze mit einer Chemikalie, die das Päckchen entzünden sollte, in seine Unterwäsche eingenäht, berichten US- Zeitungen. PETN sei ein hochexplosiver Stoff, den auch der Schuhbomber benutzt habe. Aber wie brachte er das Material an Bord? Warum wurde es in den mehrfachen Kontrollen auf seinem Weg nicht entdeckt?

Nach den bisherigen Ermittlungen hatte Abdulmutallab seine Reise in Lagos, Nigeria, um 23 Uhr am Weihnachtsabend mit Flug 588 der niederländischen Linie KLM begonnen. Um 5 Uhr 37 morgens am 25. Dezember, etwas früher als nach Plan, war die Maschine in Schiphol, dem internationalen Drehkreuz nahe Amsterdam, gelandet. Gut drei Stunden später, um 8 Uhr 54, war der Northwest-Flug 253 mit Ziel Detroit gestartet.

Die Meinungen über die Zuverlässigkeit nicht-amerikanischer Passagierkontrollen gehen in den USA auseinander. Fast reflexhaft berichten US-Medien bei Zwischenfällen im internationalen Verkehr nach Amerika unter Berufung auf die einschlägigen US-Dienste, der jeweils betroffene Abflughafen im Ausland sei schon lange als mögliche Sicherheitslücke bekannt. Zu Lagos – und Afrika generell – haben Amerikas Behörden kein Vertrauen. Über Amsterdam-Schiphol wird Widersprüchliches verbreitet. Der Airport gehöre genau wie London, Brüssel und Frankfurt zu denen, die den US-Experten seit langem Sorgen bereiten, berichtet die „New York Times“. Die „Washington Post“ zitiert amerikanische Fluggäste, die das genaue Gegenteil berichten. Im Vergleich zu ihren Erfahrungen in den USA seien die Kontrollen in Amsterdam „sehr sorgfältig“ gewesen. „Sie stellen Fragen, sie öffnen das Handgepäck.“

Abdulmutallab musste beim Umsteigen in Schiphol eine weitere Sicherheitskontrolle passieren – jedenfalls, wenn die Vorschriften eingehalten wurden. Es gebe bisher keinen Hinweis auf ein Versäumnis, schreibt auch die „New York Times“. Sie berichtet, in Schiphol würden seit 2007 neue Maschinen getestet, die auch Gegenstände unter der Kleidung von Passagieren entdecken. Doch gebe es 200 Kontrollstellen in Schiphol, aber nur zehn solcher Maschinen.

Eine andere mögliche Panne wird ebenfalls diskutiert: Warum stand Abdulmutallab nicht auf der „No fly“-List jener Personen, die im Verdacht stehen, Verbindungen zu Terroristen zu haben, und deshalb nicht an Bord von Amerikaflügen gelassen werden dürfen? Sein Vater, ein Banker in Lagos, habe die dortige US-Botschaft kürzlich gewarnt, er mache sich Sorgen, weil sein Sohn zunehmend extreme religiöse Ansichten äußere.

Umar Faruk Abdullah hatte als Sohn eines erfolgreichen Bankers eine der besten Schulen Westafrikas besuchen können, die British School in Lomé, Togo. Er studierte Maschinenbau am University College London. In dieser Zeit stellte ihm die dortige US-Botschaft 2008 ein zwei Jahre gültiges Visum mit mehrfacher Einreiseerlaubnis für die USA aus. Er reiste damals nach Texas.

2009 zog er nach Dubai und teilte seiner Familie mit, er wünsche keinen Kontakt mehr. Im Sommer 2009 lehnte Großbritannien einen neuen Visumsantrag ab, weil Abdulmutallab falsche Angaben über die Hochschule gemacht hatte, die er angeblich besuchen wollte.

Diese Verdachtsmomente führten dazu, dass sein Name in einer Datenbank für Verdächtige auftauchte. Die USA führen mehrere solche Dateien, je nach dem angenommenen Bedrohungsgrad. Die „Terrorist Identities Datamart Environment“ (Tide) enthält 500 000 Namen auch den Abdulmutallabs. Die „Terrorist Screening Data Base“ (TSDB) umfasst 400 000 Namen, aber nur 4000 davon sind auf der „No fly“-Liste.

Im Nachhinein erfährt Amerika auch von den Befürchtungen der Behörden, als das Cockpit des Fluges 253 den Anschlagversuch an die Bodenstation meldete. Die Flugsicherung kontaktierte über Stunden andere Flüge auf USA-Kurs, um zu klären, ob dies ein koordinierter Plan mit mehreren parallelen Anschlägen wie 2001 sein könnte.

Unter Berufung auf Aussagen Abdulmutallabs in Verhören und auf FBI- Leute, die damit vertraut sind, berichten US-Medien nun auch über eine Verbindung zu einer Al-Qaida-Zelle im Jemen. 20 Jahre nach seiner Wiedervereinigung taumelt das Land dem Abgrund entgegen. Im Norden tobt ein blutiger Bürgerkrieg. Der Süden rebelliert und will raus aus dem Staat. Von dem Niedergang des Jemen, aus dem Osama bin Ladens Vater stammt, profitiert vor allem Al Qaida. Die Kommandozentrale der im Januar neu gegründeten „Al Qaida der Arabischen Halbinsel“ hat sich in den zerklüfteten Bergregionen des Landes etabliert. Nach amerikanischer Schätzung sollen ihr zwischen 100 und 200 Kämpfer unterstehen, die offenbar an ganz neuen Attentatsmethoden tüfteln. In ihrer Erklärung „Das Bataillon des Schreckens“ jedenfalls machten sie vor einigen Monaten keinen Hehl daraus, wie die Zukunft des Terrors bald aussehen könnte. Künftig werde man Sprengstoffgürtel, verminte Autos und Bomben einsetzen, die durch konventionelle Sprengstoffdetektoren nicht mehr aufzuspüren seien.

Nach dem vereitelten Attentat von Detroit, aber auch seit dem Selbstmordanschlag auf den saudischen Vizeinnenminister Muhammad bin Nayif im August wissen die Sicherheitsdienste weltweit, dass diese Drohung sehr ernst zu nehmen ist. Der Attentäter in der Hafenstadt Dschidda stand ganz oben auf der Fahndungsliste von Saudi-Arabien. Bis zu seinem Einsatz hielt er sich im Jemen versteckt. Den 500 Gramm schweren Sprengsatz hatte er sich offenbar durch den After in den Enddarm schieben lassen, überwand so alle Sicherheitskontrollen und löste im Palast des Prinzen per Handy die Explosion aus.

Mitarbeit: Martin Gehlen

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