Politik : Anschlag in der kurdischen Oase

Eine Bombe im türkischen Diyarbakir tötet zehn Menschen – rechtsextreme Splittergruppe bekennt sich

Susanne Güsten[Istanbul]

Der Kosuyolu-Park gehört zu den wenigen grünen Oasen für Familien aus den Betonblocks der Großstadt Diyarbakir im türkischen Kurdengebiet. In den Teegärten und auf den Spielplätzen des Parks treffen sich abends tausende kurdische Familien, um zu plaudern, die Kinder schaukeln zu lassen und Tee zu trinken. Doch am Dienstagabend zerriss eine gewaltige Explosion die friedliche Atmosphäre: Am Eingang des Parks explodierte eine Bombe und tötete zehn Menschen, darunter sieben Kinder. Die Spuren des Anschlags waren noch nicht beseitigt, da flogen bereits die Verdächtigungen. Die Behörden zeigten auf die PKK, die Rebellen auf die Sicherheitskräfte. Doch dann kam ein Bekennerschreiben, und es kam aus einer unvermuteten Richtung: Die rechtsextreme „Türkische Rachebrigade“ (TIT) bekannte sich – und kündigte an, fortan für jeden von der PKK getöteten Türken zehn Kurden in Diyarbakir umzubringen. Sollte das Bekenntnis echt sein, würde dies eine brandgefährliche Eskalation bedeuten.

Kein einziger türkischer Toter werde fortan ungesühnt bleiben, erklärte die TIT, die ihr Bekenntnis zu dem Anschlag mit Fotos von den Vorbereitungen untermauerte. Auf den Bildern sind die zur Fernzündung verwendeten Funkgeräte zu sehen, eine mit Drähten versehene Gasflasche und ein Gegenstand, bei dem es sich um eine Autobatterie handeln könnte. „Wir, die Türkische Rachebrigade, schwören hiermit auf unsere Fahne, dass wir für jeden von der PKK getöteten Türken in Diyarbakir zehn Kurden töten werden“, heißt es in dem Bekennerschreiben, das mit den Worten schließt: „Der beste Kurde ist ein toter Kurde.“ Mit dem Anschlag habe der Tod eines türkischen Soldaten gerächt werden sollen, der fünf Tage zuvor im Südosten von der PKK getötet wurde.

Ob es sich bei der TIT tatsächlich um die Täter handelt oder nur um Trittbrettfahrer, war am Tag nach dem Anschlag noch nicht zweifelsfrei festzustellen. Die Gruppe war 1998 mit einem Attentat auf einen pro-kurdischen Menschenrechtler in Erscheinung getreten und hatte in den letzten Monaten wieder Drohbriefe an Kurdenpolitiker und Menschenrechtler verschickt. Einiges spricht dafür, dass sie den Anschlag verübt haben könnte – nicht zuletzt der Mangel an anderen Verdächtigen: Denn warum die PKK einen Bombenanschlag auf kurdische Kinder in der PKK-Hochburg Diyarbakir verüben sollte, das hatte sich niemand erklären können – ebensowenig, was die türkische Armee von einem solchen Anschlag haben sollte. Mangels besserer Erklärung hatten die Behörden bis zum Eintreffen des Bekennerbriefes darauf getippt, dass die Bombe eigentlich vor einem Polizeigebäude deponiert werden sollte und auf dem Transport versehentlich gezündet wurde.

Sollte sich der Verdacht gegen die TIT erhärten, bliebe die Frage, wer hinter dieser Gruppierung steht. Bisher wurden der Gruppe enge Verbindungen zu Ex-Soldaten und ehemaligen Mitarbeitern anderer Sicherheitsdienste nachgesagt, was nicht unlogisch wäre: Alleine in diesem Jahr sind der PKK schon fast 100 türkische Soldaten und Polizisten zum Opfer gefallen – möglicherweise handelt es sich um eine Racheaktion alter Kameraden. Wie immer in der Türkei dürfte sich aber auch rasch die Gegenfrage nach dem doppelten Boden stellen – ob es sich bei dem TIT-Bekenntnis möglicherweise um eine Finte der kurdischen Rebellen handele, die sich damit neuen Zulauf von der kriegsmüden kurdischen Bevölkerung sichern wollten? Wer immer hinter der TIT steckt: Sollte sich ihr Bekenntnis als echt erweisen, könnte das eine unkontrollierbare Eskalation der Gewalt bis an den Rand des Bürgerkriegs bedeuten.

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