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Anschlag in Moskau : Deutscher unter den Todesopfern

Bei dem Terroranschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo sind 35 Menschen gestorben, darunter ist auch ein Deutscher. Etwa 180 Menschen wurden verletzt, viele schweben in Lebensgefahr.

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Der Moment der Explosion, aufgenommen von einer Überwachungskamera und später gezeigt im russischen Fernsehen. Auf dem Moskauer Flughafen hat sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Bilder des Terrors.
Der Moment der Explosion, aufgenommen von einer Überwachungskamera und später gezeigt im russischen Fernsehen. Auf dem Moskauer...Foto: AFP

Unter den 35 Todesopfern des Terroranschlags auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo ist nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa auch ein Deutscher. Der 1976 geborene Mann sei unter den ersten identifizierten Leichen, erfuhr dpa am Dienstag in Moskau. Zuvor hatte die Moskauer Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ auf ihrer Internetseite die Namen der ersten Todesopfer veröffentlicht.

Bilder des Grauens

Wie leblos hängt die Hand eines Mannes von der Trage, die Notfallmediziner so schnell es geht, wegschleppen. Blut quillt unter den Verbänden hervor. Bilder des Grauens, wie sie Russland länger nicht mehr gesehen hat, wurden gestern im russischen Fernsehen gezeigt. Bei einem Terroranschlag auf den Moskauer Großflughafen Domodedowo kamen mindestens 35 Menschen ums Leben, etwa 180 wurden verletzt, darunter auch eine Deutsche.

Was ist über den Anschlag bekannt? 

Terror am Moskauer Flughafen Domodedowo
Zwei Wochen nach dem Anschlag auf den Moskauer Flughafen Domodedowo übernimmt der tschetschenische Terrorist Doku Umarow in einer Video-Botschaft die Verantwortung. Er habe die Tat angeordnet, sagt der oft als "Bin Laden Russlands" bezeichnete Umarow in dem Clip, der auf der Website kavkazcenter.com veröffentlicht wird. Zugleich droht er mit weiteren Selbstmordanschlägen wie in Moskau.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: AFP PHOTO / HO / SITE INTELLIGENCE GROUP
24.01.2011 18:29Zwei Wochen nach dem Anschlag auf den Moskauer Flughafen Domodedowo übernimmt der tschetschenische Terrorist Doku Umarow in einer...

Ein Selbstmordattentäter zündete gegen 16:32 Uhr Ortszeit auf dem Flughafen einen über sieben Kilogramm schweren Sprengsatz. Er soll unter den Wartenden vor dem Ausgang aus dem Transitraum des internationalen Teils des Airports gestanden haben. Der Sprengsatz detonierte neben einem Gepäckband, vor dem Passagiere gerade auf ihre Koffer warteten. Wie die Bombe trotz strenger Sicherheitskontrollen in diesen – für Nichtreisende gesperrten – Teil des Flughafens gelangte, war am Montagabend noch unklar. Auch deshalb bat die Generalstaatsanwaltschaft alle Augenzeugen dringend, sich zu melden. Augenzeugen berichteten, dass gleich nach der Explosion beißender Qualm aus dem Transitraum in die Empfangshalle drang. Einheiten des Ministeriums für Katastrophenschutz mussten ein Loch in die Trennwand brechen, damit die Verletzten aus dem Gebäude geholt werden konnten. Panik gab es trotz allem nicht, auch wenn es chaotische Zustände gab. Das Flughafengebäude wurde zunächst abgesperrt.

Worauf zielte der Anschlag?
Der Flughafen Domodedowo, der im Süden Moskaus liegt, ist heute der wichtigste der drei Flughäfen der russischen Hauptstadt und ein zentraler Verkehrsknotenpunkt des Landes. Dort gibt es pro Stunde 70 Starts und Landungen. Der Terrorangriff vom Montag ist der dritte schwere Anschlag auf die Infrastruktur des Landes in den vergangenen zwei Jahren: Im November 2009 wurde ein Zug im Nordwesten Russlands Ziel eines Terrorangriffs, und bei einem Anschlag von zwei Selbstmordattentäterinnen auf die Moskauer Metro wurden im März vergangenen Jahres 40 Menschen getötet.

Wie haben der Kreml und die Behörden auf den Anschlag reagiert?
Präsident Dmitri Medwedew und Ministerpräsident Wladimir Putin seien unverzüglich informiert worden, sagten die Sprecher beider Politiker. Medwedew ordnete persönlich Alarmbereitschaft im ganzen Land an. Auf Flughäfen und Bahnhöfen solle ab sofort die höchste Sicherheitsstufe gelten, sagte Medwedew im staatlichen Fernsehen. Die Kontrollen in den Metro-Stationen wurden ebenfalls verstärkt. "Alle Patrouillen halten nach verdächtigen Personen und Gegenständen an öffentlichen Orten Ausschau", sagte ein Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden. Erfahrungsgemäß schlagen Terroristen meist kurz hintereinander mehrmals zu. So auch Ende März, als in der Metro im Abstand von wenigen Minuten gleich in zwei Stationen Sprengsätze hochgingen.

Medwedew erhob aber auch schwere Vorwürfe gegen die Behörden des Landes: Zu laxe Sicherheitsvorkehrungen hätten offenbar zu dem Anschlag geführt, sagte er. Russische Sicherheitskräfte fahndeten nach drei Verdächtigen. Der Attentäter komme aus dem Nordkaukasus, hieß es nach Medienberichten in russischen Sicherheitskreisen.

Wie ist die Lage im Nordkaukasus?
Vor zwei Jahren hatte der Kreml den Konflikt in Tschetschenien offiziell für beendet erklärt, der Nordkaukasus ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Region ist jedoch nur oberflächlich befriedet. In Tschetschenien und im benachbarten Dagestan haben Nationalisten und Extremisten ihr neues Basislager aufgeschlagen. Fast täglich berichten russische Medien über Überfälle auf Polizisten und Ermittler. Die islamistischen Extremisten haben bereits vor Jahren verkündet, sie wollten den Terror ins russische Kernland und in die Hauptstadt tragen. Die Spuren des Doppelanschlags auf die Moskauer Metro im März vergangenen Jahres führten nach in die Teilrepublik Dagestan.

Momentan ist es im Nordkaukasus allerdings relativ ruhig. Experten rätseln daher, was der konkrete Anlass für die Tat gewesen sein könnte. Einige Beobachter stellten in ersten Reaktionen einen Zusammenhang zu den Ausschreitungen russischer Nationalisten Ende vergangenen Jahres her und spekulierten über einen Racheakt der Kaukasier, die außerhalb ihrer Heimatregion ständigen Demütigungen und Diskriminierungen ausgesetzt sind. Andere glauben, der nordkaukasische Widerstand, dessen einzelne Gruppen rivalisieren, wollte sich mit dem Anschlag in Erinnerung bringen. Doch die ohnehin sehr begrenzten Sympathien, die ihre Stammesbrüder ihnen entgegenbringen, dürften nach dem Blutbad gegen Null tendieren. Gefährlich für Moskau ist allerdings, dass sich auch die Führer der nordkaukasischen Teilrepubliken bei den Massen nur sehr begrenzter Sympathien erfreuen, seit sie nicht mehr direkt gewählt, sondern vom Kreml ernannt werden. Zu einem Machtwort gegenüber den Extremisten fehlt ihnen daher die moralische Autorität.

Was bedeutet der Anschlag für den internationalen Flugverkehr?
Offiziell geschlossen ist der Moskauer Flughafen nicht. Aber mit Verspätungen müssen Passagiere rechnen. Laut einer Sprecherin der Fluggesellschaft Air Berlin sollten am Montag noch zwei Maschinen in Moskau starten – eine nach München und eine nach Berlin. Der nächste Flug von Berlin nach Moskau sollte in der Nacht von Montag auf Dienstag um kurz nach zwei Uhr gehen. "Allerdings hat der jetzt bereits zwei Stunden Verspätung, so dass man abwarten muss, was damit genau passiert", sagt die Sprecherin. Air Berlin fliegt bis zu zweimal täglich von Berlin nach Moskau. (mit dpa)

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