Anschlag : Misstrauen gegen afghanische Polizei wächst

Ein Polizist erschießt fünf britische Soldaten in der afghanischen Provinz Helmand. Der Hintergrund ist bisher ungeklärt.

Matthias Thibaut[London]

Ein afghanischer Polizist hat bei einem Anschlag mit seiner Waffe fünf britische Soldaten erschossen und weitere sechs zum Teil schwer verletzt – nur Stunden, nachdem sich der Meinungsstreit in der Labourpartei über die Zukunft des Krieges dramatisch verschärft hatte.

Der Anschlag im Bezirk Nad Ali in der Provinz Helmand hat Politiker aufgeschreckt, weil er auf eine Unterwanderung der Polizei durch die Taliban deutet und die Frage aufwirft, wie weit den Polizeikräften überhaupt zu trauen ist. Der Polizist namens Guldbuddin, der von britischen Soldaten ausgebildet wurde und mit Briten zusammenarbeitete, richtete bei einer Lagebesprechung nach einer Patrouille die Waffen gegen seine britischen Kameraden. Der Mann ist verschwunden und hatte möglicherweise einen Komplizen. Widersprüchliche Berichte sprechen von Verbindungen zu den Taliban oder einem Disput mit Vorgesetzten. „Die Motive sind unklar. Wir tun alles, was wir können, um ihn und die Verantwortlichen zu fassen“, so ein britischer Militärsprecher. Bei einem ähnlichen Vorfall sind vor kurzem zwei amerikanische Soldaten getötet worden.

„Dies wirft sehr beunruhigende Fragen auf“, warnte Oppositionschef David Cameron gestern im Unterhaus. Eine umfassende Untersuchung des Vorfalls sei eingeleitet, bestätigte Premier Brown, der gleichzeitig sagte, die Taliban stünden hinter dem Anschlag. Der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Bill Rammel, verteidigte die Praxis, britische Soldaten in die afghanische Polizei zu integrieren. „Dies ist die effektivste Methode, die Kapazität der Polizei aufzubauen“.

Der frühere britische Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Afghanistan, Oberst Richard Kemp, befürchtet als Folge des Zwischenfalls, dass „ britische Soldaten zukünftig den Finger nah am Abzug haben, wenn sie mit afghanischer Polizei und Militär zu tun haben“.

Nur Stunden vor Bekanntwerden des Anschlags hatte der führende Labourpolitiker Kim Howell, bis vor kurzem der für Afghanistan zuständige parlamentarische Staatssekretär im Außenministerium und nun Vorsitzender des Sicherheitsausschusses im Parlament, in einem Beitrag für den „Guardian“ einen abrupten Strategiewechsel und den Abzug der Mehrheit der Truppen aus Afghanistan gefordert. Howell begründete dies direkt mit dem Versagen von Präsident Hamid Karsai, der die Chancen, die Afghanistan durch den UN-Einsatz geboten wurden, „vertan“ habe. Mit den eingesparten Milliarden könne der Terrorismus zu Hause bekämpft werden. Dazu gehört eine aktivere Überwachung der Grenzen und der britischen Muslime.

Der Parteichef der Liberaldemokraten, Nick Clegg, fragte im Unterhaus, was die Regierung zu tun gedenke, wenn die „legitime Regierung, die wir in Kabul so dringend brauchen, nicht Wirklichkeit wird“. Die Fragestunde zeigte, wie rapide der Allparteienkonsens hinter der britischen Strategie bröckelt. Großbritannien hat rund 9000 Soldaten in Afghanistan im Einsatz, die Entsendung von 500 weiteren Soldaten ist geplant. Insgesamt sind in diesem Jahr 94 britische Soldaten in Afghanistan gefallen – das blutigste Kriegsjahr der britischen Armee seit dem Falklandkrieg 1982. Seit 2001 haben die Briten 229 Soldaten in Afghanistan verloren – das sind mittlerweile mehr als im Irak.

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