Anschlag : "Pakistans 11. September"

Der Selbstmordanschlag auf das Hotel in Islamabad zielte auf ein Symbol des Westens. Die Taliban sind in Pakistan auf dem Vormarsch und der Kampf gegen den Terror stellt das Land vor eine Zerreißprobe.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]
Pakistan
In Trümmern. Gäste des Marriott-Hotels in Islamabad holen Koffer aus dem zerstörten Gebäude. -Foto: AFP

Über der Hauptstadt Islamabad steigt am Morgen danach eine schwarze Rauchsäule in den Himmel, noch immer schlagen Flammen aus den oberen Etagen des Gebäudes, in den verrußten Trümmern suchen Helfer nach Toten. Vom US-Luxushotel Marriott, einst Treffpunkt von Pakistans Elite und der internationalen Gemeinschaft, ist am Sonntag nur noch eine ausgebrannte, einsturzgefährdete Ruine übrig. Der Anschlag sei „Pakistans 11. September“, sagte Justizminister Farooq Naek .

Die verheerende Terrorattacke auf das Marriott hat Pakistan geschockt und dem Land vor Augen geführt, dass auch das Machtzentrum Islamabad nicht mehr sicher ist. Das Marriott, das zur gleichnamigen US-Hotelkette gehört, galt als Wahrzeichen Islamabads und als Symbol westlicher Kultur. Geschäftsleute, Politiker, Journalisten und Diplomaten speisten gerne in einem der vielen Restaurants. In einer plüschigen Kellerbar konnte man ein Glas Wein oder ein Bier trinken. Viele Ausländer, Staatsgäste und Delegationen, stiegen in dem schwer bewachten Nobelhotel mit seinen 290 Zimmern ab. Das Marriott liegt in Islamabads Hochsicherheitszone, nur rund 500 Meter von den Residenzen des Präsidenten und des Regierungschefs und nicht weit vom Diplomatenviertel entfernt.

Auch an diesem Samstag im Fastenmonat Ramadan sollen mindestens 200 Menschen in einem der Hotelrestaurants zu Abend gegessen haben, als der Selbstmordattentäter mit einem Lastwagen voller Sprengstoff die Absperrungen durchbrach. Die Detonation war so gewaltig, dass sie einen sechs Meter tiefen Krater vor dem Hotel riss. Noch in der Nacht wandte sich Zardari in einer Fernsehansprache an die 160 Millionen Pakistaner und drohte den Tätern mit Vergeltung. „Terrorismus ist ein Krebsgeschwür in Pakistan, und wir sind entschlossen, so Gott will, das Land von diesem Krebs zu befreien“, schwor er. „Wir haben keine Angst vor diesen Feiglingen.“

Zardari, der erst seit zwei Wochen im Amt ist, steht vor einem gefährlichen Dilemma, das das Land zu zerreißen droht. Schon heute hat der 54-jährige Witwer von Benazir Bhutto das Volk kaum hinter sich. Viele Pakistaner stehen dem Anti-Terror-Kampf kritisch gegenüber. Sie haben das Gefühl, dass sie den Blutzoll für einen Krieg der USA zahlen und obendrein noch vom Westen als Terroristen an den Pranger gestellt werden. Allein in den vergangenen zwölf Monaten kamen in Pakistan fast 1200 Menschen bei Anschlägen ums Leben.

Zwar verurteilte US-Präsident George W. Bush den Anschlag und sagte Pakistan alle Unterstützung zu. Aber mit seinem jüngsten Rambo-Vorgehen hat er Zardari keinen Gefallen getan. Die Angriffe der USA auf angebliche Terrorcamps in Pakistans Grenzprovinzen haben den Unmut über Washington weiter geschürt und auch gemäßigte und gebildete Pakistaner aufgebracht. Mehrfach wurden bei den US-Attacken offenbar Zivilisten getötet. Juristen, die als Spitze von Pakistans Demokratie-Bewegung gelten, verbrannten bei Protestkundgebungen öffentlich Porträts von Bush. In den Grenzregionen haben Stammesführer, die eine halbe Million Menschen vertreten, gedroht, sich den Taliban anzuschließen und gegen die USA zu kämpfen, wenn diese ihre Angriffe nicht einstellen.

Nach langem Schweigen verurteilte auch Zardari in seiner Antrittsrede die Übergriffe der USA auf pakistanischem Boden. Doch der Schaden ist angerichtet. Die Wut auf Amerika ist gewachsen und Zardaris Glaubwürdigkeit angekratzt. Bereits heute wird er als „Schoßhund“ und „Marionette“ der USA geschmäht. Dabei bräuchte der Bhutto-Witwer breiten Rückhalt, will er den erstarkenden Extremismus in den Griff bekommen.

Das südasiatische Land erlebt derzeit eine Art Afghanisierung. Die Taliban sind stärker denn je. Mit massiver Militärgewalt versucht die Regierung zwar, von Aufständischen eroberte Regionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Doch die Taliban sind auf dem Vormarsch, und der Terror breitet sich immer mehr in Landesteile aus, die zuvor als relativ sicher galten. Schlägt Zardari tatsächlich einen härteren Kurs gegen die Extremisten ein, könnte der Anschlag auf das Marriott nur der Auftakt für weiteres Blutvergießen gewesen sein.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben