Anschlagsgefahr : Welche Auswirkung hat die Terrorwarnung auf Reisende?

Der Bundesinnenminister hat Hinweise auf einen geplanten Anschlag noch im November. Welche Auswirkungen hat das auf Reisende?

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Fotos: dapd (2), dpa; bearbeitet von Tsp
Fotos: dapd (2), dpa; bearbeitet von TspFoto: dapd

Die Sicherheitsbehörden sind alarmiert. Nach den Warnungen von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) auf einen möglichen Anschlag islamistischer Terroristen Ende November in Deutschland wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die Bundespolizei verstärkte ihr Personal insbesondere an Flughäfen, Bahnhöfen und anderen gefährdeten Punkten. Außerdem seien auch zusätzliche Kontrollen an den Schengengrenzen, also an den Außengrenzen der Europäischen Union, möglich, erklärte de Maizière.

Worauf müssen sich Reisende einstellen?

„Sichtbare Polizeipräsenz“ kündigte der Innenminister an, aber auch mehr ziviles Fahndungspersonal. Beamte in schusssicheren Westen und mit Maschinenpistolen bewaffnet sowie gepanzerte Fahrzeuge waren am Mittwoch bereits an Flughäfen und größeren Bahnhöfen etwa in Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg zu sehen.

Zunächst hieß es, Flugpassagiere müssen nicht mehr Zeit für Kontrollen am Check-in einplanen. Die Standarduntersuchungen vor Abflügen würden vorerst nicht verschärft, erklärte ein Sprecher des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam am Mittwoch. Auch der Präsident der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen, Wolfgang Wurm, rechnet zwar nicht mit Verzögerungen im Ablauf. Aber in Einzelfällen könnten die Kontrollmaßnahmen etwas länger dauern, sagte er. Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband in Berlin riet Touristen, vorsichtshalber früher als üblich zum Flughafen zu fahren.

Auch die Lufthansa rechnet mit verschärften Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen. Dafür sei die Bundespolizei zuständig, sagte Firmensprecher Thomas Jachnow in Frankfurt am Main. Die Lufthansa selber habe nach dem 11. September 2001 ihr Sicherheitsniveau erhöht. Dazu gehören verstärkte Cockpittüren, das Mitfliegen von „Luftsicherheitsbegleitern“ oder „Sky-Marshalls“ auf vielen Verbindungen und nachrichtendienstliche Überprüfungen der eigenen Mitarbeiter, wenn sie in sicherheitsrelevante Bereiche gehen dürften.

Terrorgefahr in Deutschland
In Ruhe. Politik ist für Thomas de Maiziere vor allem Lösung von Sachfragen, weniger Selbstinszenierung.Weitere Bilder anzeigen
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18.11.2010 08:34In Ruhe. Politik ist für Thomas de Maiziere vor allem Lösung von Sachfragen, weniger Selbstinszenierung.

Kann man Reisen nun kostenlos stornieren?

Nein, sagt Beate Wagner, Reiserechtsexpertin bei der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. „Die Warnungen sind eher abstrakt, wenn es keine konkreten Hinweise gibt, bezogen auf ein bestimmtes Gebiet oder sogar eine Stadt, müssen Reiseunternehmen Stornierungen nicht akzeptieren.“ Allein der Verweis etwa auf Flugangst reiche nicht als Begründung. Ohnehin würde es nur bei Pauschalreisen die Möglichkeit geben, bei konkreten Terrorgefahren von einer Reise zurückzutreten. „Bei einzeln gebuchten Flügen wird nichts erstattet, wenn man einen Flug nicht antritt, der durchgeführt wird“, sagte Wagner. Das gelte auch für Bahnreisen.

Wie reagiert Großbritannien, das auch als mögliches Anschlagsziel genannt wurde?

In Großbritannien war in den vergangenen Wochen mehrfach von Plänen eines Anschlags nach dem Mumbai-Muster die Rede. Dort hatten bewaffnete Terroristen im November 2008 zehn koordinierte Anschläge verübt, bei denen mehr als 170 Menschen starben. Die britische Eliteeinheit SAS hat begonnen, Polizisten in Techniken auszubilden, wie sie auf solche Attacken reagieren können. Die Polizei wurde zudem mit stärkeren Waffen und Munition ausgerüstet.

Diese Woche wurden Politiker und Angestellte im Unterhaus in einer Email auf die Möglichkeit einer solchen Attacke hingewiesen und daran erinnert, sich mit den Fluchtwegen vertraut zu machen. Der Rat der Polizei sei, die Gebäude sofort zu evakuieren. Die Terrorwarnung blieb am Mittwoch aber unverändert auf der zweithöchsten Stufe „Severe“ oder ernst. Dies bedeutet, dass ein Terroranschlag „höchst wahrscheinlich ist“, aber keine konkreten Anhaltspunkte für einen Anschlag vorliegen. Es gab auch keine Hinweise darauf, dass die Geheimdienste eine Erhöhung der Alarmstufe auf die höchste Stufe „Critical“ oder kritisch planen, bei der „ein Anschlag unmittelbar erwartet“ wird.

Nur zweimal wurde diese Warnstufe bisher ausgelöst – im August 2006, als die „Flüssigkeitsbomber“ planten, amerikanische Flugzeuge im Transatlantikverkehr zu sprengen, und im Juni 2007 nach den versuchten Anschlägen mit Autobomben auf eine Diskothek in London und den Flughafen Glasgow. Die aktuelle Warnstufe gilt seit dem 22. Januar 2010 und wurde nach der Aufdeckung des sogenannten „Unterhosenbombers“ bei einem Flug nach Detroit ausgesprochen.

Die Terrorwarnungen werden vom Innenministerium bekannt gegeben, aber von JTAC beschlossen, dem „Joint Terror Analysis Centre“, das dem Inlandgeheimdienst MI5 angeschlossen ist, in dem aber alle an der Terrorismusbekämpfung beteiligten Behörden zusammenarbeiten. Unabhängig von der Warnstufe wurden in den vergangenen Wochen mehrfach scharfe Terrorwarnungen wiederholt, zuletzt nach der Entdeckung der in Druckerkartuschen aufgefundenen Zeitbomben aus dem Jemen. Anfang Oktober erhöhte das Außenministerium in einem ungewöhnlichen Schritt das Risikoniveau für Reisen nach Frankreich und Deutschland. Man müsse dort nicht nur mit einem „allgemeinen“, sondern einem „hohen“ Risiko eines Terroranschlags rechnen. Zuvor hatte die Pariser Polizei mehrfach den Eiffelturm geschlossen. (mit dapd/dpa)

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