Politik : Anstoß in Hannover

Beim SPD-Wahlkampfauftakt präsentiert sich Schröder als Bewahrer der sozialen Gerechtigkeit

Tissy Bruns[Hannover]

Der Mut ist links, behaupten die Jusos, die sich vor dem „Mövenpick“ in Hannover eingefunden haben. Dort drängt sich eine kleine Menge vor weißen Tischen, darüber wehen rote Juso-Fahnen. „Was gibt’s denn hier“, fragt eine Passantin. Mut gibt es hier vielleicht, auf jeden Fall Kuchen. Den wird um 13 Uhr der Bundeskanzler anschneiden. Vier Quadratmeter Himbeertorte. Sie hat eine Botschaft: Mach’s noch einmal, Gerhard Schröder, haben die Konditoren draufgeschrieben. Als der Kanzler kommt, hat er seine Doris mitgebracht, die Bildungsministerin und den Staatssekretär, Edelgard Bulmahn und Gerd Andres, die hier Heimspieler sind. Hannoveraner und Niedersachsen. Schröder reicht die ersten Kuchenstücke. Seine Frau und Bulmahn verteilen den Rest, der Staatssekretär darf helfen.

Auf der Bühne am Opernplatz läuft derweil das Vorprogramm. Ottfried Fischer verkündet, dass er wegen Irak und überhaupt für Schröder ist. Der SPD-Wahlfilm attackiert die Unionsparole, derzufolge es Deutschland so schlecht wie nie geht. Frohe Kinder, Facharbeiter, Frauen, alle zeigen, dass es nicht stimmt. „Wir haben nicht alles richtig gemacht. Aber wir haben gehandelt, wo andere jahrelang gepennt haben“, sagt der Sprecher im Film. Beifall auf dem Opernplatz.

Dann kommen sie. Schröder hat Franz Müntefering mitgebracht, und seine „halbe Mannschaft“, wie der niedersächsische SPD-Chef Wolfgang Jüttner am Rednerpult verkündet. Da stehen sie auf der Bühne, von links nach rechts: Schily, Stolpe, Benneter, Platzeck, Renate Schmidt, Bulmahn, Eichel, Zypries, Müntefering und Gerhard Schröder. „Gegen so viel Beifall komme ich gar nicht an“, sagt Jüttner. Es dauert Minuten, bis Schröder vor rund 10000 Zuschauern seine halbstündige Rede beginnen kann.

Ein Kanzler in Kampfeslaune. Heute sei ein Schicksalstag der Deutschen, sagt er, „heute ist der 13. August“. Die Mauer sei eingedrückt worden von den Menschen, „die damals in der DDR zu Hause waren“. Beschwörend ruft Schröder, dass „dieses Land, dieses Volk“ nicht gespalten werden dürfe. „Kraftmeierei und Geschmacklosigkeiten von Stoiber und Führungsschwäche von Angela Merkel sind nicht geeignet, dieses Land zusammenzuhalten.“ Schröder will bewahren, was aufgebaut wurde „in harten Kämpfen, in harter Arbeit, in 60 Jahren“. Energie, Zuwanderung, Gesundheit – „keine Rolle rückwärts“, keine Kopfprämie, „die die Solidarität kaputtmacht“. Die Rente braucht beide Säulen, „und wir sind es, die sie aufgebaut haben“. Es gibt nur eine Passage in der Rede, die nicht ständig von Beifall unterbrochen wird. Die über „die Reform des Arbeitsmarkts“, auch Hartz IV genannt. Die Zurückhaltung des Publikums fordert die Suggestionskraft des Kanzlers. „Es ist schwer zu verstehen, dass verändert werden muss, wenn die Sozialstaatlichkeit bewahrt werden soll.“ Da sind die Zuschauer einverstanden. Und der Beifall braust, als Schröder über Bildung redet: „Wir können uns nicht leisten, dass der Besuch der höheren Schule vom Geldbeutel der Eltern abhängt.“

Der tatkräftige Veränderer, der zugleich bewahrt, reckt die Hände über den Kopf, als am Ende der Beifall tost. Er winkt, tritt Seite an Seite mit Müntefering nach vorn, vier Daumen recken sich den Zuschauern entgegen. Wirkt ein Kanzler so beschwörend, kann der SPD-Chef nach Herzenslust knallen. „Vor acht Wochen hieß es absolute Mehrheit für CDU/CSU“, ruft Müntefering. Vor vier Wochen: Mehrheit für CDU/CSU und FDP. Jetzt: Keine Mehrheit mehr. „Und in fünf Wochen werden wir lesen: SPD stärkste Kraft, Schröder Kanzler, Rot-Grün regiert wieder. Mit der PDS machen wir nichts. Und Punkt. So wird das sein.“ Müntefering redet sich heiß für die soziale Gerechtigkeit. Er hat auch parat, warum es mit Merkel nicht geht: 45 Prozent muss sie holen, „die arme Frau“. Die „kann nicht offensiv“, sagt er. „Sie ist eine, die mit wissenschaftlicher Akribie die Flugbahn des Balls analysieren kann. Aber sie weiß nicht, wo der Ball ist.“

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