Politik : Ansturm der Armen

Der Grenzzaun im spanischen Ceuta wird für immer mehr Flüchtlinge zum tödlichen Hindernis

Ralph Schulze[Madrid]

Die Lage in den spanischen und damit zur EU gehörenden Festungsstädten Ceuta und Melilla in Nordafrika spitzt sich immer weiter zu: Am frühen Donnerstagmorgen starben bei einem Massenansturm afrikanischer Flüchtlinge auf den schwer bewachten Grenzzaun, der Ceuta von Marokko trennt, mindestens fünf Menschen. Mehr als 100 illegale Einwanderer wurden beim Sprung über die dornige Sperranlage und in Kämpfen mit dem spanischen Grenzschutz verletzt.

Insgesamt hatten, wie bereits in den beiden vorherigen Nächten in der Schwesterstadt Melilla, mehr als 500 Armutsflüchtlinge gleichzeitig versucht, den bis zu sechs Meter hohen Grenzzaun zu überwinden. Spanische Grenzer gingen mit Gummigeschossen und Schlagstöcken gegen die illegalen Einwanderer vor. Rund 100 gelang trotzdem der Sprung über die Sperranlage. Stunden später rückte die spanische Armee an, um die Grenzen in Ceuta und Melilla militärisch abzusichern.

Am Morgen nach dem nächtlichen Drama – dem schlimmsten, das sich bisher an dieser südlichsten europäischen Außengrenze abspielte – sind an der 8,2 Kilometer langen Grenzanlage in Ceuta noch die Reste der Feldschlacht zu sehen. Blutgetränkte Kleidungsstücke hängen in den messerscharfen Dornenkronen des Doppelzaunes, der hier wie in Melilla gerade von drei auf sechs Meter erhöht wird. Leitern, mit denen die Angreifer versucht hatten, über den Metallwall zu klettern, liegen auf der Erde.

Blutlachen auch am Boden, wo jene vier Grenzspringer zusammenbrachen, die unter bisher nicht ganz klaren Umständen umkamen: Mindestens drei, die auf Marokkos Seite starben, seien durch spanische Gummigeschosse getötet worden, behaupten marokkanische Behörden später, ein Opfer soll ein Baby gewesen sein. Spanien erklärt den Tod von zwei weiteren Opfern auf spanischer Seite so: Der eine sei vom Grenzzaun gestürzt, der andere in der Dornenkrone verblutet.

Auch die Todesursachen von mindestens drei weiteren Menschen, die in den letzten Wochen an der Grenze Melillas starben, sind nicht ganz geklärt. Laut Innenministerium in Madrid gibt es bisher „keine Indizien“, dass Spaniens Grenzschutz schuldig sei. Die Grenzschützer erfüllten nur ihre Pflicht, die EU-Grenze abzusichern, heißt es. Die Garnisonsstädte Ceuta und Melilla, die in rund 300 Kilometern Abstand voneinander an Nordafrikas Küste kleben, sind die einzigen Landgrenzen zwischen der EU und Afrika.

In Marokko warten dem Vernehmen nach noch tausende Flüchtlinge auf ihre Chance zum Grenzsprung. Spaniens Regierungschef José Luis Zapatero gab deswegen den Befehl, spanische Soldaten an den Grenzwällen aufmarschieren zu lassen. In beiden Städten unterhält Spanien Kontingente von jeweils rund 3000 Soldaten und 700 Grenzschützern. Am Donnerstag konferierte Zapatero im südspanischen Sevilla mit Marokkos Premier Driss Yetu über die Grenzkrise. Beide versprachen, gemeinsam gegen illegale Einwanderung vorzugehen. In Ceuta und Melilla drängen sich derweil die Flüchtlinge in den staatlichen Auffanglagern, die jeweils nur für 500 Personen ausgelegt und hoffnungslos überfüllt sind. Viele haben Schnittverletzungen an Händen, Beinen oder Bauch – Spuren des scharfen Grenzzaunes, der die reiche Welt von der armen trennt. Sie kommen aus Kamerun, Mali, Niger, Kongo, Elfenbeinküste und anderen schwarzafrikanischen Ländern. Und sie berichten von einer oft schon jahrelang dauernden Flucht, zu Fuß, mit dem Bus, als blinder Passagier, als Opfer von Schlepperbanden. Viele wurden geschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt auf der Odyssee durch die Sahara.

„Wir haben einen Albtraum hinter uns gelassen“, sagt ein Flüchtling aus Guinea. Nun hoffen sie, in Spanien, das ihnen als Paradies erscheint, Aufnahme zu finden. „Wir wollen Arbeit suchen“, sagen die jungen Leute, meist Männer, übereinstimmend. „Dann können wir Geld an unsere Familien schicken.

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