Anti-Islam-Kundgebung : Sie kamen nicht durch

Ganz Köln sperrt sich gegen die anti-islamische Kundgebung der Rechtsradikalen.

Jürgen Zurheide[Köln]

Die Kameras klicken unentwegt gen Himmel und halten dieses Bild tausendfach fest. Zahllose grüne Luftballons steigen in die Höhe, sie transportieren ihre Botschaft mit den anhängenden roten Karten in alle Welt. Auch anderswo soll man wissen, was an diesem Vormittag in Köln geschieht. „Rote Karte gegen Rassismus“, lautet das Motto, das die vielen Tausend Protestler auf die Reise schicken. Mindestens 5000 haben schon so früh den Weg in das Zentrum der Stadt gefunden, selbst die Organisatoren hatten das nicht zu hoffen gewagt. Unbeschwert sind sie freilich nicht, denn gegen Mittag wollen die Rechtsradikalen der Bürgerbewegung Pro Köln wenige hundert Meter entfernt gemeinsam mit europäischen Gesinnungsgenossen auf dem Heumarkt einen Antiislamisierungskongress begehen, der dem Ansehen der Domstadt in der Welt erheblich schaden könnte. „Diese brauen Biedermänner sind in Wahrheit Brandstifter“, empört sich der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma und ruft ihnen, unter dem heftigen Beifall der Protestgemeinde zu: „Da ist der Ausgang, da geht’s nach Hause.“

Als er seine Rede beendet hat, brandet kräftiger Applaus auf, was bemerkenswert ist, weil in der Stadt in den vergangenen Wochen heftig gestritten wurde. Selbst in der eigenen Partei, in der CDU, hatte Schramma mächtigen Gegenwind aushalten müssen. Als im Stadtrat kürzlich über die imposante neue Moschee abgestimmt wurde, stand der Oberbürgermeister zwar auf der Seite der Mehrheit und das Projekt wurde auf den Weg gebracht, aber seine eigene Partei hatte ihm komplett die Gefolgschaft verweigert. Die Gruppe um Pro Köln, die mit 4,7 Prozent im Rat sitzt, feierte dieses Ergebnis.

Diese Diskussion hat in der Stadt Spuren hinterlassen, es sind zahlreiche Wunden geschlagen worden. Das scheint an diesem Vormittag keine Rolle mehr zu spielen, denn neben den Linken, den Gewerkschaftern, Grünen und Sozialdemokraten haben viele andere Gruppen den Weg in die Innenstadt gefunden, die üblicherweise nicht gemeinsam demonstrieren: Auf der einen Seite halten „Transen gegen Rechts“ ihre Plakate in die Höhe, friedlich daneben protestieren „Katholiken gegen den brauen Sumpf“ und applaudieren gemeinsam, wenn sich der Oberbürgermeister bei ihnen bedankt: „Danke, dass ihr unsere Stadt nicht den Ausländerfeinden überlasst.“

Einige hundert Meter entfernt am Heumarkt gibt es ein surreales Schauspiel. Obwohl man aus einsatztaktischen Gründen keine Einzelheiten nennt, sollen mehr als 3000 Ordnungshüter rings um den Dom versammelt sein. Gegen Mittag wollen die Rechten von Pro Köln gemeinsam mit ihren europäischen Gesinnungsfreunden auf dem Platz gegen Islamisierungstendenzen in Köln wettern; auf ihrer Bühne prangt ein Logo mit der Aufschrift „Stop Islam“, daneben hängt das schon bekannte runde Schild mit einer durchgestrichenen Moschee. Der Platz ist allerdings verwaist, und das bleibt auch den ganzen Vormittag so. Die Polizei schirmt den Heumarkt mit einem starken Aufgebot ab; in der Nacht hatten Gegendemonstranten erfolglos versucht, ihn zu stürmen.

Weil das nicht gelang, haben die Protestler ihre Taktik rasch geändert. Sie bilden nun ihrerseits eine Menschenkette rings um den Heumarkt. Wer versucht, auf den Heumarkt zu gelangen, stößt überall auf junge Menschen, überwiegend mit schwarzen Kapuzenpullovern, und muss schnell kapitulieren. Die wenigen Anhänger von Pro Köln, die es dennoch versuchen, haben keine Chance. „Hau ab, du Nazi“, wird ihnen entgegengeschleudert. „Hier kommt keiner durch“, lautet der Schlachtruf an diesem Vormittag.

Nur einige wenige Funktionäre von Pro Köln haben es auf den Platz geschafft, gegen Mittag verlieren sich einige Dutzend Anhänger vor der Bühne. Sie schimpfen zwar lautstark, weil sie ihre angemeldete Demonstration nicht abhalten können, aber ihnen fehlen die Zuschauer. So kann Mario Borghezio, der Delegierte der italienischen Lega Nord, nur einer Handvoll Menschen mitteilen, warum er sich auf den Weg nach Köln gemacht hat. „Wir sind gegen die Moschee, weil sie zur Propaganda islamischer Fundamentalisten gebraucht wird“, ruft er aus, aber das Echo bleibt aus. Am Flughafen sitzen einige hundert Gesinnungsfreunde; aber sie schaffen es nicht bis in die Innenstadt, weil niemand sie fahren will. Die ganze Stadt sperrt sie aus: Sie haben kein Taxi bekommen, die Busunternehmer wollten sie nicht mehr fahren und die Hoteliers haben sich geweigert, die rechten Freunde zu beherbergen.

Weil es am Rande der Absperrungen zu kleineren Rangeleien zwischen Polizei und Demonstranten kommt, verbieten die Ordnungshüter gegen Mittag die Kundgebung. „Weil uns die Sicherheit der Kölner wichtiger ist", erklärt der Sprecher der Polizei den konsternierten Rechten. Als man Fritz Schramma diese Botschaft überbringt, atmet er auf: „Das ist ein Sieg der Stadt Köln, ein Sieg der demokratischen Kräfte in dieser Stadt.“

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