Anti-Terror-Kampf : Wie 9/11 unseren Alltag verändert hat

"9/11" hat nicht nur die USA getroffen. Die Anschläge vom 11. September 2001 haben eine Welt geschaffen, in der Terrorangst allgegenwärtig und der Krieg gegen die islamistischen Fanatiker Grundsäule jeder Politik ist.

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Auf Nummer sicher. Beamte der Bundespolizei am Münchner Flughafen.
Auf Nummer sicher. Beamte der Bundespolizei am Münchner Flughafen.Foto: dpa

Wenn jemand stirbt, ist es für die Zurückgebliebenen, als öffnete sich wie von selbst ein Fotoalbum im Kopf. Unweigerlich kommen die Bilder. Selbst bei einem Massenmörder und islamistischen Terroristenfürsten wie Osama bin Laden schlagen wir das gedankliche Dossier auf. Gerade bei ihm.

Da fallen die brennenden Türme in New York in sich zusammen. Da stockt plötzlich ein verstörter US-Präsident George W. Bush im Gespräch bei einer Lesestunde mit Kindern, kurz bevor er von seinen Sicherheitsleuten eilig in den sicheren Bunker gebracht wird. Colin Powell, damals US-Außenminister, präsentiert detailreich im Februar 2003 vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Informationen über Massenvernichtungswaffen in Händen des irakischen Diktators Saddam Hussein. Die USA zogen in den nächsten Krieg. Später enthüllt „Curveball“, der maßgebliche Informant, dass alles erfunden war. Oder Gerhard Schröder, wie er sich zum Führer jenes vom US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld so genannten „Alten Europa“ aufschwingt, das nicht mit in den Irak ziehen will. Das trifft in Deutschland auf Zustimmung und sichert ihm die Wiederwahl 2002.

Tote Deutsche wie auf der tunesischen Halbinsel Djerba, Börsenschock, Krieg als Alltagszustand, Sicherheitsgesetze bis dahin unbekannter Dimension; der 11. September 2001 hat die internationalen Achsen verschoben, den Alltag tiefgreifend verändert und unser Bewusstsein geprägt.

Im Flug. Die schockierenden Bilder der Maschinen, die ins World Trade Center gesteuert werden, haben die Sicherheitsarchitektur immens beeinflusst. Das Fliegen ist nicht mehr, was es einmal war. Inzwischen wird als jüngste Errungenschaft der Sicherheitsinstrumente in Hamburg der Nacktscanner getestet. Flüssigkeiten im Handgepäck sind tabu, die Schlangen vor den Passagierkontrollen wachsen. Schon vor der Einreise in die USA haben die Sicherheitsbehörden inzwischen detaillierte Kenntnis über die Besucher – fast ein Wunder, dass die Konfektionsgröße nicht darunter ist.

Die Minister. Otto Schily (SPD), 2001 Innenminister der rot-grünen Koalition, stand Pate für die „Otto-Kataloge“ I und II. In jenen beiden Gesetzeswerken zur neuen deutschen Sicherheitsarchitektur, später dann erweitert unter Schilys Nachfolger Wolfgang Schäuble (CDU), ist versammelt, was sich auch die Union bis zu jenem „9/11“ nicht vorstellen konnte. Inzwischen haben wir ein gemeinsames Terrorabwehrzentrum in Berlin. Dort arbeiten die deutschen Sicherheitsbehörden inklusive Geheimdienstabteilungen eng zusammen. Vor 2001 galt die Trennung von Geheimdiensten und Polizei als unantastbares Tabu. Die Ermittlungsbefugnisse und Datensammlungen sind erheblich erweitert worden, nicht zuletzt in Form von Abhörmöglichkeiten und der Online-Durchsuchung. Über die geplante Datenvorratsspeicherung aller Telekommunikationsdaten, auch gesamteuropäische Langzeitfolge des 11. September, wird aktuell gestritten. Eingeführt dagegen sind längst die biometrischen Ausweispapiere. Bald reist keiner mehr ohne Fingerabdruck.

Bis heute diskutiert Deutschland auch über die Erlaubnis, ein entführtes Passagierflugzeug notfalls abzuschießen – wie 2005 von der Bundesregierung beschlossen, aber im folgenden Jahr vom Bundesverfassungsgericht wieder verworfen.

Alltag. Die terroristische Bedrohung ist für Deutschland zwar nicht alltäglich – nicht jeder sieht sich permanent in erhöhter Alarmbereitschaft. Aber Teil der alltäglichen Sicherheitsvorkehrungen ist sie sehr wohl. Etwa wenn vorübergehend die Reichstagskuppel gesperrt wird. Oder wenn auf Bahnhöfen und Flughäfen die Bundespolizei verstärkt patrouilliert. Einmal wird eine Düsseldorfer Zelle verhaftet: Sie soll Anschläge irgendwo dort geplant haben, bei denen möglichst viele Menschen verletzt und getötet werden. Ein andermal braut im Sauerland die Gruppe um den Islamisten Fritz Gelowicz Chemikalien für Anschläge zusammen. Man muss aber auch einfach nur auf die hochgesicherten Botschaften der USA und ihrer Verbündeten schauen. Besonders auffällig ist das an den israelischen und jüdischen Einrichtungen.

Krieg. Als die Deutschen nach „9/11“ an der Seite ihres amerikanischen Verbündeten in den Afghanistan-Krieg zogen, dachte dabei niemand an deutsche Soldaten, die in Särgen in die Heimat zurückkehren würden. Inzwischen, seit den Tagen des zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), spricht auch Deutschland von „Krieg“. Die Bürger haben sich an die Bilder der in den Bundeswehrmaschinen gebrachten Särge fast gewöhnt. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg sind deutsche Soldaten wieder an lang andauernden Kampfeinsätzen am Boden beteiligt. Welch ein Einschnitt im pazifistisch geprägten Nachkriegsdeutschland.

Die Börsen. Verglichen mit den Folgen der durch Hochrisikospekulationen und unkontrollierten Bankmechanismen ausgelösten jüngsten Weltfinanzkrise, war der Börsenschock direkt nach den Anschlägen in den USA 2001 fast sanft. Wirtschaftliche und finanzielle Auswirkungen hat der islamistische Terrorfeldzug bin Ladens und seiner Jünger dennoch in erheblichem Ausmaß. Allein die Umschichtung in den staatlichen Budgets auf die Sicherheits- und noch mehr die Militärpolitik verschlingt Milliarden Dollar, Euro oder Unsummen in anderen Währungen. Die Rüstungsausgaben der USA haben sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Eine Steigerung um 81 Prozent hat das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri errechnet. Seit 2002, als der Kampf gegen den Terror und der Krieg in Afghanistan begannen, haben sich die globalen Rüstungsausgaben nach diesen Angaben sogar mehr als verdoppelt. Denn seitdem rüsten nicht nur die Nato-Staaten auf, die einen Großteil der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) stellen, sondern auch Russland, China und Indien. Milliarden, die nicht in die Gesundheit fließen, nicht in die Bildung oder in Sozialprogramme.

Recht und Unrecht. Keine Aufgabe konnte für einen US-Präsidenten seit September 2001 größer sein als die Jagd auf Osama bin Laden. Kein Mittel war US-Präsident George W. Bush dafür zu schlecht. Statt mit einer erfolgreichen Operation „Geronimo“ verbinden sich mit der Präsidentschaft Bushs die Bilder orange gekleideter Gefangenen mit Fuß- und Handfesseln in Guantanamo und erniedrigter Iraker im berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib – Bilder, die das Ansehen der USA und des Westens nachhaltig ruiniert haben. Auch die „renditions“, die Entführung Verdächtiger – allzu oft auch Unschuldiger – ohne rechtliche Grundlage, gehen auf das Konto von George W. Bush. Spätestens mit dem Irakkrieg hat sich zudem eine boomende Söldnerbranche etabliert, die als verlängerter Arm der staatlichen Militärs wirkt. Durch die Überlastung der US-Armee in zwei Kriegen konnten dubiose und zumindest in weiten Teilen äußerst zwiespältige Firmen dadurch hoheitliche Aufgaben wahrnehmen. Mit diesen Firmen verbinden sich Skandale wie der um den damals größten privaten Sicherheitsdienst im Irak, die US-Firma Blackwater. Einem Untersuchungsbericht zufolge sollen Wachleute des Unternehmens im September 2007 grundlos 17 Iraker erschossen haben. Unter den Opfern befanden sich auch Kleinkinder. Die Ausschaltung bin Ladens geht nun ausgerechnet auf das Konto desjenigen Politikers, der zumindest angetreten war, die Auswüchse des internationalen Kampfs gegen den Terrorismus zu stoppen.

Mitarbeit: Fabian Schlüter

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