Politik : Anti-Terror-Koalition: Der Schmied der Allianz

Matthias Thibaut

"Was wir tun, ist gefährlich. Aber nichts zu tun ist viel, viel gefährlicher." Es war nicht das erste Mal, dass Tony Blair vor die Fernsehkameras trat, um bekannt zu geben, dass britische Truppen im Kampfe stehen. Mehrfach musste er sich Schweißtropfen von der Nase wischen. Aber nie, auch nicht vor den Angriffen auf Jugoslawien in der Kosovokrise, sah man ihn so entschlossen, so gefasst und seiner Sache so sicher. "Niemand will diesen Krieg. Aber manchmal muss man kämpfen, um den Frieden zu sichern."

Außenminister Straw und Stellvertreter Prescott standen gestern mit vor den Fernsehkameras in der Downing Street Nr. 10. Aber sie hatten nur die Rolle von bewundernden Statisten in der One-Man-Show, mit der Großbritanniens Premier in der letzten Woche nicht nur skeptische Briten verblüffte. Blair rühmte die staatsmännische Umsicht, mit der Präsident Bush die machtvolle Koalition gegen den Terror zusammenbrachte. Aber die meisten, die es hörten, werden dazu im Kopf die Bilder gehabt haben, wie Blair hemdsärmlig in seiner Royal Airforce VC10 um die halbe Welt flog - "Amerikas außenpolitischer Chef-Botschafter", wie das "Wallstreet Journal Europe" schrieb.

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Fotostrecke: Militärschlag gegen das Taliban-Regime Es waren gewiss die denkwürdigsten Tage im bisherigen Leben Tony Blairs, die ihn vom Labourparteitag und Brightons regenverhangenem Meeresstrand über die Sonderdebatte im Unterhaus zum Billiardspiel in Wladimir Putins Datscha im Birkenwald von Gorky, dann über den sonnenüberstrahlten Himalaya nach Pakistan und über Indien zurück nach London führte. Von Station zu Station stieg Blairs Gewissheit, dass die Koalition halten würde, die er da schmieden half. "Es gibt einen Weltkonsens für Aktion", sagte Blair, als er in Delhi ins Flugzeug stieg. Von Station zu Station steigerte sich sein Ingrimm über die Taliban. Die Verbindungen zwischen Osama bin Laden und den Taliban seien "enorm", berichtete er, noch enger als allgemein angenommen. Neue Informationen, die man ihm in Moskau, in Islamabad und in Indien gab, hätten das ergeben. Als er am Samstag in London aus dem Flugzeug stieg, war so gut wie bestätigt, dass der Sturz der Taliban ein Kriegsziel der Anti-Terror-Koalition sein werde. Und alle waren sicher, dass diese Aktion schon bald kommen würde.

Die denkwürdigste Station war gewiss Moskau. Die große Neuordnung im Ost-West-Verhältnis, die Putin vor dem Bundestag angedeutet hatte - in Moskau wurde sie von Blair und Putin besiegelt. Dabei ging es nicht nur darum, dass Russland die Militäraktionen in seinem Hinterhof unterstützt und der Westen in Tschetschenien zwei Augen zudrücken wird. "Der Westen hat nun einen echten Freund", erklärte Putin beim Treffen mit Blair. Als sie dann im Familienkreise bei Stew und Wodka saßen, kam der Anruf von Präsident Bush. Nur Wochen nach den Anschlägen gibt es in der Weltpolitik eine große, neue Achse.

Pakistan war schwieriger. General Musharraf fühlte sich sichtlich ungemütlich, als Blair ihn überschwänglich für seine "mutige Entscheidung" lobte. Doch dann wurde offen über die Zeit nach den Taliban gesprochen. Keine Rede davon, dass die Nordallianz in Afghanistan die Macht übernehmen wird. Pakistans Einfluss und der der 20 Millionen Paschtunen auf die politische Entwicklung in Afghanistan ist gesichert. Obendrein gibt es Krisenhilfe von insgesamt 600 Millionen Pfund - immer wieder betonte Blair auf seiner Reise, wie wichtig die humanitäre Hilfe in der nun beginnenden Schlacht sein wird.

Denn es geht ihm um mehr, als bin Laden aus seiner Höhle zu räuchern. Blair begann seine diplomatische Mission in Brighton, wo er seine Partei für die Kriegskoalition gewinnen musste. Er tat es, halb Churchill, halb Franz von Assisi, mit einer großen, fast traumhaft-visionären Rede, der bedeutendsten seiner Amtszeit. "Wir müssen den Augenblick packen. Die Teile im Kaleidoskop sind geschüttelt. Bevor sie zur Ruhe kommen, lasst uns die Welt um uns neu gestalten." Vom Kongo bis Nordirland, von Afghanistan bis Israel gingen seine Ambitionen. Oft klingt es hohl und salbungsvoll, wenn Blair sich von seiner eigenen Rede so mitreißen lässt. Aber diesmal zweifelte niemand, dass er meint, was er sagt.

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