Antisemitismus in Frankreich : Ein Armutszeugnis für Europa

In einem Pariser Vorort ist ein Paar überfallen worden - offenbar, weil sie Juden sind. Nun mangelt es nicht an mahnenden und warnenden Worten. Doch sie wirken wohlfeil. Ein Kommentar.

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Arm in Arm: In der Vergangenheit haben Franzosen mehrfach gegen Antisemitismus demonstriert. Die Juden sind dennoch verunsichert. Viele wollen auswandern.
Arm in Arm: In der Vergangenheit haben Franzosen mehrfach gegen Antisemitismus demonstriert. Die Juden sind dennoch verunsichert....

Vermummte Männer dringen in die Wohnung eines Paares ein. Die Verbrecher fesseln ihre Opfer und vergewaltigen die Frau. Zwei Stunden dauert die Tortur in einem Pariser Vorort. Und das Motiv? Die jungen Leute sind Juden. Und die haben nun mal nach Überzeugung der mutmaßlichen Täter Geld – Antisemitismus trifft auf brutale kriminelle Energie.

Jetzt steht das offizielle Frankreich Kopf. Wieder einmal. Premier Manuel Valls sieht in dem Überfall den "widerwärtigen Beweis", dass der Kampf gegen Judenhass täglich geführt werden müsse. Und Staatschef Francois Hollande warnt, man dürfe bei Rassismus nicht wegsehen. Das Beste Frankreichs sei bedroht. D’accord, Herr Präsident.

Nur: Die vielen warnenden und mahnenden Worte wirken wohlfeil. Denn von Jahr zu Jahr wächst die Judenfeindschaft in Frankreich, und sie wird immer aggressiver. Selbst vor Mord schrecken die Antisemiten nicht zurück. Im März 2012 erschoss ein Motorradfahrer in Toulouse einen Religionslehrer und mehrere jüdische Kinder. Damals war von einer „nationalen Tragödie“ die Rede.

Geändert hat sich seitdem wenig. Die Furcht der Juden vor Übergriffen, nicht zuletzt durch Araber, wird immer größer. Viele fühlen sich alleingelassen, ja schutzlos und ergreifen deshalb die Flucht. Allein in diesem Jahr sind mehr als 5000 französische Juden nach Israel ausgewandert. Zionisten und die Regierung in Jerusalem mag das freuen. Für Frankreich, für Europa ist es allerdings ein Armutszeugnis.

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