AOK-Studie kritisiert Gesundheitsversorgung : Gefährliches Nebeneinander

Kliniken und niedergelassene Ärzte arbeiten nebeneinander und nicht miteinander. Das vergeudet Ressourcen, sagen Experten. Und es gefährdet die Patienten.

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Morgens operiert, abends nach Hause. Die Kliniken haben ihre ambulante Versorgung ausgebaut. Doch an der Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten hapert es.
Morgens operiert, abends nach Hause. Die Kliniken haben ihre ambulante Versorgung ausgebaut. Doch an der Zusammenarbeit mit...Foto: picture alliance / dpa

Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung positiv: Wenn Patienten ins Krankenhaus müssen, werden sie dort immer häufiger ambulant behandelt und können oft noch am gleichen Tag wieder nach Hause. Allerdings diagnostizieren Experten bei diesen Versorgungsformen inzwischen einen bedrohlichen „Wildwuchs“, weil sie nicht mit den niedergelassenen Ärzten koordiniert sind. „Das deutsche Gesundheitswesen ist wie ein geteiltes Land“, sagte der Vorsitzende des Gesundheits-Sachverständigenrats, Ferdinand Gerlach. „Zwischen Kliniken und Praxen verläuft eine kaum überwindbare Mauer, die für Patienten gefährlich und für alle viel zu teuer ist.“

Doppeluntersuchungen und Behandlungsfehler

Beschrieben sind die Probleme im aktuellen Krankenhausreport der AOK, der am Montag in Berlin präsentiert wurde. Es fehle an einheitlichen Spielregeln, heißt es darin. Das führe „vielfach zu konträren Interessen“. Echte Zusammenarbeit, etwa zwischen niedergelassenen und stationär tätigen Kardiologen, sei weder vorgesehen noch möglich, so Studienautor Gerlach. Mit der Folge, dass es zu „Informationsbrüchen, Missverständnissen, Behandlungsfehlern, Mehrfachdiagnostik, vermeidbaren hohen Arztkontakten und Mengenausweitungen“ komme.

Hinter der Fülle der offerierten Versorgung stecke „kein rationales Ordnungsprinzip“, kritisiert auch Studien-Mitherausgeber Jürgen Wasem. Identische Leistungen würden „in verschiedene Rechtsformen verpackt und dann auch noch unterschiedlich vergütet“. Und in Sachen Qualitätssicherung seien ambulante Klinikleistungen „ohnehin Wüsten“. Die Politik müsse, so forderte der Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, „endlich einheitliche Spielregeln für alle und einen neuen Ordnungsrahmen vorgeben“.

"Es gibt kein großes Ganzes"

Es gebe bei den Versorgungsstrukturen nur Patchwork und „kein großes Ganzes“, fasste der Chef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, die Situation zusammen. Und das gehe mit „hohen Reibungsverlusten“ einher – sowohl für die Patienten, die oft unnötige Doppeluntersuchungen erhielten als auch für das Gesundheitswesen, dessen Ressourcen nicht effizient eingesetzt würden.

Besonders betroffen von dem unkoordinierten Nebeneinander seien Patienten, die wegen mehrerer Krankheiten von verschiedenen Ärzten und Kliniken behandelt werden, sagte Gerlach. Für sie übernehme kaum einer Gesamtverantwortung und den Schutz vor zu viel oder falscher Medizin. Hausärzte seien für diese Lotsenfunktion zwar prädestiniert, befänden sich aber innerhalb des Systems in zu schwacher Position. Statt dem Gerangel zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten um Patienten und Pfründe fordern die Experten mehr regional vernetzte, sektorübergreifende Versorgung. Und damit diese funktioniere, müssten auch die Honorare für stationäre Kurzzeitfälle und vergleichbare ambulante Behandlungen angeglichen werden.

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