Politik : AP-Chefredakteur Gehrig über die gefälschte Kohl-Meldung

Was ist eine Nachrichtenagentur?

Die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) war nach der Agentur Reuters die zweite, die die gefälschte Pressemitteilung von Ex-Kanzler Kohl am Sonntag in einer Vorrangmeldung gegen 16 Uhr 23 verbreitete und später zurückziehen musste. Peter Rall, Chefredakteur Aktuelles bei Reuters, sagte: "Wir haben mit der Verbreitung der Meldung interne Sicherheitsstandards nicht eingehalten." Im Folgenden äußert sich AP-Chefredakteur Peter M. Gehrig.

Was ist eine Nachrichtenagentur?

Ein Transporteur von Waren. In unserem Fall von Informationen, die produziert, transportiert und konsumiert werden.

Wie kommt es zu einer Eilmeldung wie jene über Kohl vom Sonntag? Wie müssen sich unsere Leser das vorstellen?

Es geht ein Fax in der Redaktion ein. Es wird versucht, dies zu verifizieren. Dies gelingt nicht im ersten Anlauf. Man hört, dass die Konkurrenz schon draußen ist, prüft das Ganze auf Plausibilität, kommt dann in diesem Fall zu dem falschen Schluss. Dann hat man die Verantwortung, die Information weiterzuleiten. Es passt in die Nachrichtenlage. Am Tag zuvor kam das Dementi von Kohl zu Verstrickungen in die Elf-Aquitaine-Geschichte handschriftlich auf einem formlosen Fax. Und dann so was einen Tag später, diesmal so gar getippt. Da ist man in der allgemeinen Nachrichtenlage zu dem Schluss gekommen, es sei echt. Alle, die danach befragt wurden, wie auch Bundespräsident Rau, haben es selbst für echt gehalten.

Wie entscheidend ist es für Sie, schneller zu sein als die Konkurrenz?

Das sollte kein entscheidendes Kriterium sein. Wir wollen schnell sein, aber auch korrekt. Das habe ich meinen Leuten auch gesagt, diesmal haben Anspruch und Wirklichkeit weit auseinandergeklafft. Man kommt da in eine Situation, in der man einfach nicht gewinnen kann. Wenn der Kollege es nicht herausgegeben hätte und es wäre keine Fälschung gewesen, dann hätten unsere Kunden zwei Stunden später zu Recht gesagt, mein Gott, seid ihr lahm. Es ist eine schwierige Gratwanderung. Aber das war ein klassischer Fall für eine Journalistik-Vorlesung, wie man es nicht machen sollte.

Ist Konkurrenz der Hauptgrund dafür, dass eine solche Meldung verbreitet wird?

Es gibt viele Gründe. Die Konkurrenz spielt eine Rolle, aber auch der Zeitpunkt. Sonntagnachmittag, die Redaktionen sind kurz vor ihrem ersten Redaktionsschluss. Wenn es um zehn Uhr passiert wäre, hätte man sich mehr Zeit für die Prüfung genommen.

Wie ist die Stimmung am Tag danach?

Zerknirscht. Jeder sucht nach Gründen, es wird thematisiert. Ich habe meiner Besatzung einen Brief geschrieben, dass wir uns in illustrer Runde befinden, unsere Selbstkritik aber nicht erlahmen darf. Peter M. Gehrig ist seit September 1990 Chefredakteur der Nachrichtenagentur AP. Er ist seit 32 Jahren im Nachrichtengeschäft. Mit dem Journalisten sprach Armin Lehmann.

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