Arabischer Herbst? : Ägyptens halbe Revolution

Rücktritt der Übergangsregierung, mehr als 30 Tote bei Protestdemonstrationen: Die Wut der Menschen in Kairo ist grenzenlos. Denn von der versprochenen Demokratie ist Ägypten noch immer weit entfernt.

Viktoria Kleber
Zum Heulen. Auf dem Tahrir-Platz fliegen Tränengasgranaten hin und her, nachdem es auch am Montag wieder zu schweren Ausschreitungen kam.
Zum Heulen. Auf dem Tahrir-Platz fliegen Tränengasgranaten hin und her, nachdem es auch am Montag wieder zu schweren...Foto: AFP

Ahmed H. schreibt sich ein paar Zahlen auf seinen linken Arm. Er steht in Kairo auf dem Tahrir-Platz, umringt von Freunden, hat einen Mundschutz um das Gesicht gebunden, damit das Tränengas nicht in die Lunge drückt. Die Zahlen sind die Telefonnummer seiner Mutter. „Ich will sichergehen, dass meine Familie gleich informiert wird, falls ich sterbe“, sagt Ahmed.

Viel Blut ist in den letzten drei Tagen auf dem Tahrir-Platz geflossen. Polizei und Militär liefern sich Straßenschlachten mit den Demonstranten, gehen brutal gegen sie vor. Ohne Gnade knüppeln sie nieder, feuern Gummigeschosse auf die Protestierer, die wehren sich mit Steinen. Die Zahlen von Toten und Verletzten überschlagen sich, mindestens 33 sollen in den letzten drei Tagen ihr Leben auf dem Tahrir gelassen haben, über 1000 wurden verletzt. Brutalität, wie sie Ägypten nicht einmal während der Revolution am Anfang des Jahres gesehen hat.

Dabei hatte alles friedlich angefangen. Am vergangenen Freitag sind über 50 000 Menschen auf dem Tahrir-Platz zusammengekommen, um gegen den Militärrat zu demonstrieren. Sie forderten, nach den für kommenden Montag vorgesehen Parlamentswahlen schnellstmöglich auch die Wahl eines Präsidenten abzuhalten und die Übergabe der Macht an eine zivile Regierung einzuleiten. Außerdem fordern sie den Rückzug eines Verfassungsentwurfs, der dem Militär langfristig die Macht im Land sichert.

Am Freitagabend haben dann an die 200 Demonstranten auf dem Platz Zelte aufgeschlagen, wollten so lange bleiben, bis die Forderungen erfüllt sind. Doch das Sit-in wurde am Samstagmittag gewaltsam von der Polizei angegriffen, seitdem ist der Tahrir-Platz ein umkämpftes Gebiet. Drei Tage lang Straßenschlachten, drei Tage lang pure Gewalt.

Mitten im Gefecht ist Ahmed. Er ist groß, trägt einen kurzen Stoppelbart, und wenn er redet, gestikuliert er wild mit den Händen. Er ist 23, hat Politik in Kairo studiert, arbeitet nun bei einer Menschenrechtsorganisation. „Wir müssen Ägypten wachrütteln“, sagt er, „wir brauchen dringend eine zweite Revolution.“

Dass die Ägypter einen zweiten Aufstand schaffen, daran glaubt er fest. „Die Stimmung hier ist wie am 25. Januar dieses Jahres“, sagt er. Der Tag, an dem der Arabische Frühling in Ägypten begann. „Wir sind endlich wieder vereinigt, wir stehen alle zusammen.“

Lesen Sie auf Seite 2: Die Brutalität von Polizei und Militär ist größer als zu Beginn der Proteste.

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