Arbeiten in China : Ausgerechnet Peking

Unser Redakteur Benedikt Voigt arbeitet für ein Jahr in China. Manchmal fragt er sich: Warum nur?

Es gibt in diesen Wochen zahlreiche Momente, in denen ich mich frage, warum ich 2008 als Sportjournalist in China arbeiten wollte. Zum Beispiel, wenn man plötzlich Probleme mit dem Visum bekommt, weil sich die Angaben der Olympiaorganisatoren im Laufe der Zeit von „ein halbes Jahr, aber man kann problemlos verlängern“ auf „drei Monate, aber man kann problemlos verlängern“ auf „bis zum 7. Juli, dann schließen wir“ verkürzt haben.

Oder wenn man auf einer Pressekonferenz hört, wie ein Vizepräsident der Olympiaorganisatoren die chinesische Zensur verteidigt mit dem Hinweis auf die vielen Gefahren, die im Internet auf Teenager lauern. Und man sich anschließend zu Hause bei der Recherche im Internet fragt, was an den Seiten von Wikipedia und Human Rights Watch eigentlich jugendgefährdend sein soll. Und von der aktuellen politischen Situation einmal ganz abgesehen.

Oder auch bei alltäglichen Dingen: Wenn man in seiner Pekinger Wohnung im doppelt gefütterten Skipullover sitzt, weil die Heizperiode seit dem 15. März zu Ende ist. Wenn das Taxi im Pekinger Feierabendwahnsinn für zwei Kilometer 50 Minuten braucht – und man noch nicht einmal aussteigen kann. Und wenn man sich zwar an das Spucken und Drängeln gewöhnt hat, nicht aber an folgende Begebenheit im Supermarkt. Als die chinesische Angestellte nach dem Zucker gefragt wurde, stieß sie plötzlich mitten in ihrer Antwort geräuschvoll auf. Auf diese Weise erhielt man nicht nur Informationen über den Aufenthaltsort des Zuckers – sondern auch einen geruchlichen Hinweis auf ihre zuletzt eingenommene Mahlzeit. Spätestens in diesem Moment muss man sich tatsächlich fragen: Warum bin ich eigentlich hier?

Die Antwort ist einfach: wegen der Menschen. Zum Beispiel wegen des jugendlichen Kellners im Guizhou-Restaurant an der Chaoyang Lu. „Ich bin so glücklich, ich bin so glücklich“, hat er gesagt, als man das erste Mal sein Lokal betrat, „jetzt kann ich Englisch sprechen.“ Weil er unbedingt meinen Namen lernen wollte, murmelte er ihn wie eine schwierige lateinische Vokabel im Gehen unaufhörlich vor sich hin. Sogar aus der Küche konnte man ihn hören: „Be-ne-dikt, Be-ne-dikt“. Als ich das nächste Mal kam, hatte er frei. Der Restaurantbesitzer bestand darauf, ihn per Handy über meine Anwesenheit zu informieren. Zehn Minuten später war er da.

Großartig auch, wie Chinesen einem das Gefühl geben, man könne nach ein paar Monaten gelegentlicher Übungsstunden ihre Sprache. „Du sprichst sehr gut Chinesisch“, lobt jeder Taxifahrer oder Verkäufer höflich. Sollte man selbst diesen einfachen Satz nicht verstanden haben, kein Problem. Es wird auf der fortgeschrittenen Sprachkenntnis beharrt.

Am Pekinger Flughafen haben sogar zwei Wörter genügt, um den ängstlichen, weil des Englischen nicht mächtigen Taxifahrer in Begeisterung zu versetzen. Nachdem er die mündliche Aussprache des Zieles sowohl auf Englisch als auch Chinesisch nicht verstanden hatte, deutete man auf die Adresse und sagte: „Zhei ge“. Dies hier. Freudig stellte er fest: „Oh, du sprichst ja Chinesisch.“

Und schließlich sind da die chinesischen Freunde. Die Chinesischlehrerin hat bereits zur Hochzeit ihres Bruders geladen, obwohl ich diesen überhaupt nicht kenne. Eine Freundin hat die Schwiegereltern ausquartiert und das Kinderzimmer geräumt, damit ich am Anfang eine Unterkunft habe. Eine andere Freundin hat eine Wohnung besorgt und diese unauffällig mit allen wichtigen Dingen gefüllt – ohne dass man selber auch nur irgendwie helfen konnte. Natürlich gibt es noch weitere Gründe, warum China im Moment auch spannend und interessant ist: Tempo, Kultur, Architektur. Die Menschen aber sind es, welche die Politik in den Hintergrund treten lassen und dieses Land so lebenswert machen. Und die ich am Ende dieses Jahres vermissen werde.

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