Politik : Arbeitgeberpräsident Hundt: Rentner werden Zeitbombe

Arbeitgeber rechnen ohne eine radikale Gesundheitsreform mit Beitragssätzen von 22 Prozent

Die Arbeitgeber haben vor einer "Zeitbombe" in der Krankenversicherung wegen der wachsenden Zahl von Rentnern gewarnt. Ohne radikale Reformen werde der Beitragssatz der Kassen von heute 13,6 Prozent bis zum Jahr 2030 im Schnitt auf mindestens 22 Prozent ansteigen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, warnte vor einem Kollaps des Gesundheitswesens in Deutschland aufgrund der Begrenzung der Ärztebudgets.

Die wachsende Rentnerzahl werde die Krankenkassen mit noch stärkerer Wucht treffen als die Rentenkassen, sagte Hundt der Deutschen Presse-Agentur. "In der gesetzlichen Krankenversicherung tickt eine demographische Zeitbombe." Als Folge müssten Arbeitnehmer und Arbeitgeber 150 Milliarden Mark zusätzlich im Jahr für die Kassenbeiträge zahlen. Derzeit seien es insgesamt 255 Milliarden Mark. "Die Dramatik der Altersentwicklung im Gesundheitswesen wird bisher unterschätzt", warnte Hundt. Die drastisch steigende Zahl von Rentnern werde die Kassen gleich doppelt belasten: Einerseits zahlten Rentner nur halb so viel an Beiträgen ein wie Berufstätige. Andererseits seien ihre Krankheitskosten doppelt so hoch. Zugleich sinke die Zahl der Jungen. "Wir werden an radikalen Reformen nicht vorbeikommen", sagte Hundt.

Der Arbeitgeberpräsident verlangte, die Leistungen auf eine Grundversorgung zurückzuschrauben. So könnte der Beitragssatz von heute 13,6 Prozent auf zwölf Prozent sinken. Er unterstützte den Vorstoß von Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne), die bisher kostenlose Mitversicherung von nicht berufstätigen Ehepartnern einzuschränken. Hundt bekräftigte seine Forderung, den Arbeitgeberbeitrag gesetzlich auf den halben Beitragssatz der billigsten für alle geöffneten Kassen, höchstens aber sechs Prozent, zu begrenzen. Dies hatte die Vize-Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Ursula Engelen-Kefer, als "unverantwortlichen Tiefschlag" gegen die gesetzliche Krankenversicherung bezeichnet.

Hoppe sagte der Nachrichtenagentur AP, die Fortführung und die Verschärfung der Budgetierung "werden sehr schnell dafür sorgen, dass die Qualität der Leistungen in unserem Gesundheitswesen zumindest in Teilbereichen dramatisch absinken wird", sagte der oberste Vertreter der rund 360 000 Ärzte in Deutschland. Es sei politisch unredlich, die Menschen glauben zu machen, dass mit einem begrenzten Finanzbudget unbegrenzt Leistungen erwartet werden könnten. Hoppe verlangte eine "offene und ehrliche Diskussion" darüber, wie viel Finanzmittel die Gesellschaft für die Versorgung der Patienten zur Verfügung stellen wolle: "Denn wir haben in der gesetzlichen Krankenversicherung ein Einnahme- und kein Ausgabenproblem." Dies habe endlich auch Gesundheitsministerin Fischer erkannt, sagte der Ärztepräsident unter Verweis auf den Vorschlag, kinderlose Ehefrauen ohne Einkommen künftig in die Beitragspflicht einzubeziehen. Der Ärzte-Präsident verlangte, ein solides Konzept für die Finanzierung der Krankenversicherung zu erarbeiten, das am Versorgungsbedarf der Bevölkerung ausgerichtet und dynamisch sein müsse. "Anderenfalls werden die Rationierungen im Gesundheitswesen fortschreiten - Rationierungen, die vor allem Schwerstkranke und Pflegefälle treffen".

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