Politik : Arbeitnehmer in Weiß

Von Hartmut Wewetzer

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Der legendäre Chirurg Ferdinand Sauerbruch stellte einmal einen seiner Assistenzärzte zur Rede, weil er von diesem seit Monaten keine wissenschaftliche Arbeit mehr zu sehen bekommen hatte. „Herr Geheimrat! Ich habe eine große operative Station zu versorgen und komme daneben zu nichts anderem“, rechtfertigte sich der junge Arzt. Darauf Sauerbruch: „Was machen Sie denn den ganzen Tag?“

Das ist natürlich nur eine Anekdote. Aber wenn der 1875 geborene Sauerbruch noch einmal auf die Welt käme, würde er vermutlich seinem Assistenten noch ein wenig kräftiger die Meinung sagen. An einen Ärztestreik hätten die Mediziner früherer Generationen nicht einmal zu denken gewagt. Zu Sauerbruchs Zeiten waren sie fast so etwas wie Leibeigene der Krankenhäuser. Und so markiert der nun nach einem Vierteljahr zu Ende gegangene Ärztestreik an den Unikliniken auch einen Wandel im Selbstverständnis der Mediziner.

Natürlich werden noch immer Spitzenleistungen in den Krankenhäusern erbracht, natürlich gibt es noch immer fanatische Ärzte wie Sauerbruch. Aber es gibt auch penible Arbeitszeitregelungen, Stechuhren und das Abbummeln von Überstunden. Aus dem Halbgott ist ein ganz gewöhnlicher Arbeitnehmer in Weiß geworden. Er kämpft für seine Rechte, für mehr Freizeit und Geld, und ist dabei bereit, bis hart an die Grenze des Erträglichen zu gehen.

3600 Euro Gehalt für Assistenzärzte im ersten Berufsjahr, 3800 im zweiten, Weihnachts- und Urlaubsgeld zurückgeholt: für die Mediziner ist dieser Tarifabschluss ein Erfolg, der ihnen gegönnt sei und der hoffentlich der darnieder liegenden Motivation auf die Sprünge hilft. Bezahlen müssen das Ganze die Bürger mit Steuern und Beiträgen. Spätestens an dieser Stelle sind wir beim großen politischen Thema dieser Tage angekommen, der Gesundheitsreform.

Warum überhaupt schon wieder eine Reform? Ganz einfach: weil das Geld nicht reicht. Bereits für 2007 erwarten die gesetzlichen Krankenkassen ein Milliardendefizit, bis 2009 sollen 17 Milliarden fehlen. Die Politik muss also handeln, und sie tut es bisher nach der Manier von Goldsuchern. Überall wird geschürft, um das nötige Geld für einen geplanten Gesundheitsfonds zusammenzukratzen. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge, Geld von Privatversicherten, Steuern, Kapitalerträge – man darf gespannt sein, was am Ende alles in der großen Sammelbüchse mit Namen Gesundheitsfonds landen wird.

Sicher ist, dass wir mehr für unsere Gesundheit werden bezahlen müssen. Viele wären auch dazu bereit, wenn man ihnen vermitteln würde, dass die Reform auf mehr hinausläuft als nur auf Geldbeschaffung. Sie sollte auch neue Impulse setzen. Wie wäre es mit einer Entlastung der Unternehmen? Dann könnten neue Arbeitsplätze entstehen, was zu mehr Beitragszahlern führte. Wie wäre es mit mehr Marktwirtschaft statt mit den bisher vorherrschenden, verkrusteten, planwirtschaftlichen Strukturen? Wie wäre es mit mehr Eigenverantwortung, zum Beispiel der Möglichkeit von Teilkasko- Versicherungen? Warum wird der aufgeblähte Leistungskatalog nicht auf das Wesentliche zusammengestrichen? Es gibt viele Möglichkeiten, der Reform ein positives Gesicht zu geben. Unsere Gesundheit ist schließlich weit mehr als nur ein Kostenfaktor.

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