Politik : „Arbeitslosigkeit ist nicht das wichtigste Motiv“

Wahlforscher sieht Fremdenhass als Hauptgrund bei der Entscheidung für rechtsextreme Parteien

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Herr Hilmer, lassen sich NPDWähler nach der Wahl ohne Scheu befragen?

Bei Vorwahlerhebungen ist das Tabu, sich als Wähler rechtsradikaler Parteien zu outen, noch da. Aber wenn die Leute sich einmal dazu entschieden haben, so zu wählen, dann stehen sie in der Regel dazu.

Geben die NPD-Wähler ihre wahren Wahlmotive an?

Ja. Das Mitteilungsbedürfnis ist sogar stärker ausgeprägt als bei Wählern anderer Parteien. Wir haben es hier mit Protestwählern zu tun, die die Gründe ihrer Wahl publik machen wollen.

Und welche Gründe geben die Leute an?

Das ist ein ganzes Motivbündel. Bei Wählern rechtsradikaler Parteien spielt die Ausländerpolitik immer eine gewisse Rolle, selbst wenn – wie in Sachsen – der Ausländeranteil sehr gering ist. Diese Fremdenfeindlichkeit verbindet sich dann häufig entweder mit Sorge um die Kriminalität oder eben mit der Angst um den Arbeitsplatz.

Arbeitslosigkeit ist also ein Motiv, aber nicht das primäre?

Mit Sicherheit nicht. Wenn das so wäre, dann hätten rechtsradikale Parteien die gesamten 90er Jahre sehr stark sein müssen, da wir es mit einer dauerhaften Massenarbeitslosigkeit zu tun haben. Zudem wäre überhaupt nicht zu erklären, warum südliche Länder wie Bayern und Baden-Württemberg mit geringer Arbeitslosigkeit in der Vergangenheit auch erhebliche Probleme mit rechtsradikalen Parteien hatten.

Was macht dann die Veränderung aus?

Entscheidend ist, ob das Angebot der Parteien insgesamt als ausreichend empfunden wird. Die jeweilige Oppositionspartei spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Wenn sich der Verdruss nicht nur gegen die Regierungsparteien, sondern auch gegen die Opposition wendet – also keine Alternative gesehen wird –, dann wandern Wähler schnell auch zu rechtsradikalen Parteien. Das haben wir in Sachsen sehr genau beobachten können. Es ist ein Aufschrei, es ist eine Botschaft an die großen Parteien.

Von wo aus wandern denn die Wähler?

Den rechtsextremen Parteien ist es – anders als den anderen – zuletzt gelungen, auch Wähler aus dem Nichtwählerspektrum zu gewinnen. Ansonsten kamen die Wähler aus allen Richtungen, allerdings stärker von der CDU und im Osten auch in erheblichem Umfang von der PDS.

Sie nannten die Wahlentscheidungen einen Aufschrei. Wer schreit denn da?

Es sind vor allem junge Menschen, speziell junge Männer aus der unteren Bildungsschicht. Der NPD-Anteil bei jungen Männern lag in Sachsen bei 25 Prozent. In diesen Bevölkerungsschichten konkurrierte die NPD mit der CDU um den Rang als stärkste Partei. Als recht resistent gegenüber rechtsradikalen Parteien erwiesen sich dagegen die älteren Wähler, die Rentner.

Junge, wenig gebildete Männer – steht die NPD für die Macht, die sonst verwehrt ist?

Zumindest gibt es hier ein spezifisches Gehabe, mit Macht umzugehen. Das Auftreten rechtsradikaler Parteien, dieses Laute, dieses Pöbelhafte, das kommt in den Schichten, wo die Pubertät noch nicht allzu lange zurückliegt, besser an als bei gesetzteren Bürgern. Eine Rolle spielt aber natürlich auch wieder die Arbeitslosigkeit. Denn in einer solchen Situation sind die Menschen anfälliger für rechtsradikale Parolen und Angebote.

Steht hier immer auch eine gefestigte rechtsextreme Gesinnung dahinter?

Nicht unbedingt. Aber eines ist klar: Wenn das Tabu, eine rechtsradikale Partei nicht zu wählen, einmal gebrochen ist, dann kann sich das Verhalten festsetzen. Bislang war das Erscheinen rechtsradikaler Parteien in den Parlamenten eine vorübergehende Sache. Die Gefahr zumindest besteht, das sich das jetzt ändert.

Das Gespräch führte Barbara Junge.

Richard Hilmer (52), ist Geschäftsführer beim Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap in Berlin. Infratest dimap hat die Sachsen-Wahl besonders mit Blick auf die NPD analysiert.

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