Arbeitslosigkeit : Warum finden Jugendliche keine Arbeit?

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland sinkt. Trotzdem haben immer noch hunderttausende Jugendliche keinen Job. Die Internationale Arbeitsorganisation warnte jüngst von einer „Lost Generation“. Doch wer ist diese verlorene Generation? Wir begleiteten zwei Jugendliche auf ihrer Suche nach Arbeit und Orientierung.

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Illustration: Birgit Lang für den Tagesspiegel
Illustration: Birgit Lang für den Tagesspiegel



7. DEZEMBER 2011

Draußen klatscht kalter Regen in den nachtschwarzen Wintertag, drinnen, in einem Zimmer des Lichtenberger Beratungszentrums für Berufseinsteiger, sitzt Marcel und trinkt Tee. Er trägt einen schwarzen Pulli, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Vor sich auf dem Tisch hat er seine voluminösen Kopfhörer geparkt.

Bis vor ein paar Minuten war er hier in einem Beratungsgespräch. Er wirkt ein wenig schüchtern zwischen dem Arsenal an Schaubildern über Ausbildungsberufe und Schulabschlüsse, das ihn umgibt. Marcel ist 19 Jahre alt – und arbeitslos.

Zumindest technisch. Seit einem guten Jahr macht er, was er selbst „Beschäftigungstherapie“ nennt. Der offizielle Titel ist „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“. Im Volksmund: 1,50-Euro-Job. „Deshalb zähle ich eigentlich nicht als Arbeitsloser“, sagt er, findet aber, dass so vor allem die Statistik schöngerechnet wird. Fünf Tage die Woche arbeitet er in der Kreativwerkstatt einer Bildungseinrichtung für berufliche Umschulung und Fortbildung in Friedrichshain. Er bemalt Möbel, formt Ostereier aus Ton, bastelt Blumengestecke. „Das geht jetzt noch gut sechs Wochen“, sagt er. Der Zweck der Maßnahme? „Ich soll rausfinden, was ich machen will.“ Genau das weiß er nämlich nicht.

Einen richtigen Traumberuf hat er nie gehabt. Nicht mal als kleines Kind. Nachdem er die Schule vor dem Abitur abgebrochen hatte, beantragte er Hartz IV und begann seinen Marsch durch die Institutionen. Er macht Rollenspiele, trainiert Vorstellungsgespräche, lernt ein paar kaufmännische Dinge, macht noch mehr Rollenspiele, übt, wie man Bewerbungen schreibt. Doch abgeschickt hat er noch keine einzige. „Ich weiß ja nicht, auf was ich mich bewerben soll“, sagt er.

Dass er die Schule abgebrochen hat, lag am Druck, sagt er. Sein Onkel und seine Tante, bei denen er aufwuchs, wollten immer, dass er „etwas Richtiges“ macht: guter Beruf, viel Geld. Als er sich für ein ökologisches Jahr im Zoo interessierte, redeten sie ihm das aus. Andere Bezugspersonen hat er nicht. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, seine Mutter starb nach ein paar Jahren im Koma, da war er zehn.

„Meine Zieheltern haben mich nie selbstständig werden lassen“, sagt er. Der Schulabbruch wirkt deshalb weniger wie Trotz, eher wie ein Versuch der Befreiung.

Seit einem Monat hat Marcel jetzt eine eigene Wohnung über eine Stiftung für betreutes Wohnen, die das Jobcenter bezahlt. Zum ersten Mal muss er selbst Verantwortung übernehmen. „Der Auszug tat gut“, sagt er. Er lächelt, unsicher, als dürfe er das nicht sagen.

Vor kurzem hat er sich überlegt, dass er gerne Videospiele entwickeln würde. Er könne es ja über eine Ausbildung zum Mediengestalter Digital und Print versuchen, hat man ihm geraten. Dafür müsste er aber erst sein Fachabitur nachmachen. „Wahrscheinlich versuche ich das“, sagt er.

Eine halbe Stunde nach Marcel hat Mike einen Termin. Auch er sei ein typischer Fall, hatte die Beraterin gesagt. Das heißt: Er braucht Unterstützung im Alltag, und er ist unsicher, was er will. Mike lächelt freundlich, als er das Zimmer betritt. Die hellbraunen Haare millimeterkurz rasiert, links und rechts stecken centstückgroße Röhrchen in seinen Ohrläppchen und dehnen sie aus.

Der 23-Jährige, der wie Marcel seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat eine Ausbildung als Industriemechaniker abgeschlossen, der Beruf gefiel ihm aber nicht. 2009 warf er hin. Danach habe er ein halbes Jahr „herumgesessen“, bevor auch er ein Bewerbungstraining absolvierte. Sicher 90 Bewerbungen habe er damals geschrieben. „Zweimal war ich bei einem Einstellungstest, aber herausgekommen ist nichts.“ Nachdem er 2010 eine Ausbildung als Energietechniker nach nur drei Monaten abgebrochen hatte, schickte ein Sozialpädagoge ihn dann hierher zur Beratung. „Ich habe keine Ahnung, was ich will“, sagt er und dass auch er nie von einem bestimmten Beruf geträumt hat. Seit einem Monat ist er in Behandlung wegen Depressionen. Kürzlich hat er eine Liste von Dingen erstellt, die ihm Spaß machen könnten: vielleicht etwas in der Multimediaszene, vielleicht etwas Soziales. „Vielleicht Hörgeräteakustiker“, sagt er. Es klingt wie eine Frage.

11. JANUAR 2012

„Es werde nicht“, steht auf Mikes T-Shirt. Aber wie er da in einem Café in Weißensee sitzt und Latte Macchiato trinkt, hat der Wortwitz etwas Bedrückendes. Das neue Jahr ist knapp zwei Wochen alt. Der Schnee ist weg, aber noch immer ist es bitterkalt. Über Weihnachten habe er nichts gemacht, sagt Mike. „Nur entspannt.“ Gestern war er wieder bei der Beratungsstelle. Er hat Ärger mit dem Amt. Es geht ums Geld. Statt zuvor 69 Euro im Monat bezieht er inzwischen 280 Euro. Zu wenig, sagt er. Denn inzwischen werde zwar das längst eingestellte Kindergeld nicht mehr angerechnet, dafür aber immer noch Ausbildungs-Bafög, das er auch nicht mehr bekommt. Außerdem soll er aus dieser Zeit 405 Euro zu viel gezahlten Zuschuss zurückzahlen. „Die ganze Verwaltung ist eigentlich schon ein Vollzeitjob“, stöhnt er.

Der Frust sei trotzdem etwas weniger geworden. Seine Tabletten schlagen ganz gut an, und seit einer Woche macht er auch wieder Kraftsport. Dreimal die Woche geht er jetzt ins Fitnessstudio. Wenn er nichts zu tun hat, auch vier- oder fünf- mal. „Jeden Tag ein Termin“, sagt er. Das helfe, nicht zu versumpfen.

Gleich ist er mit seinem Bruder verabredet, der gerade seinen Autoführerschein macht. Mike hat vor drei Jahren auch damit angefangen, dann aber abgebrochen. „Schade um das Geld“, sagt er.

Welche Arbeit ihm gefallen könnte, weiß er immer noch nicht. Die Angebote vom Jobcenter hat er ignoriert. „Schlosser, Industriemechaniker, da kommt immer nur, was ich eh nicht mehr machen will.“ Auf Anraten seiner Beraterin hat er sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kulturbereich beworben. Was das ist, weiß er aber gar nicht so richtig. „Die schlagen einem was vor, wo man dann arbeitet.“

Auf dem Weg zurück zur Straßenbahn erzählt er, dass er eigentlich auch mal sein Abi nachmachen wollte, aber gerade nicht weiß, ob Studieren überhaupt etwas für ihn ist. Manchmal käme er schon ins Grübeln, warum bei ihm nichts klappt. Vielleicht hätten es ihm seine Eltern zu leicht gemacht, sagt er. Sie hätten ihm immer, wenn es sein musste, geholfen. Vielleicht sei er deshalb so unselbstständig.

18. JANUAR 2012

Marcel ist um 5 Uhr morgens aufgestanden. Wie jeden Wochentag im vergangenen Jahr. „Dann bin ich hier nachmittags früher fertig“, sagt er. Er sitzt in der Cafeteria der Bildungseinrichtung in Friedrichshain. Die runden Marmortische verleihen dem Raum etwas Bistroambiente. Zwei Wochen sind es noch, dann ist seine Zeit in der Kreativwerkstatt vorbei.

Und dann? Er habe sich für ein Praktikum in einem Computerladen beworben, aber das werde wohl nichts. Wenn die Maßnahme hier aufhöre, sei er nicht mehr versichert, und deshalb könne man ihn nicht nehmen. Das klingt zwar seltsam, aber so habe man ihm das gesagt. Und er hat nicht weiter nachgefragt.

Morgen ist er mit seiner Berufsberaterin verabredet. Gemeinsam wollen sie seine Bewerbungsmappe für das Oberstufenzentrum fertigmachen. Der Plan mit dem Fachabitur und der Ausbildung zum Mediengestalter scheint konkrete Formen anzunehmen. Marcel will sich jetzt selbst die Programmiersprache Java beibringen. Angefangen hat er aber noch nicht.

Eigentlich ist er ganz froh, wenn sein Jahr vorbei ist. Der Job gefällt ihm nicht. Die 180 Euro im Monat, die er bekommt, seien zwar schön, aber er weiß nicht so recht, was ihm die Bastelei bringen soll.

„Wir machen hier Basisarbeit“, sagt Marion Herrmann, die Marcel mit betreut hat. Viele der Leute bei ihnen müssten erst einmal lernen, sich an Tagesabläufe zu gewöhnen. Dass Marcel das Basteln nicht besonders viel Spaß mache, wisse sie. „Das Ziel aber war, Marcel erst mal einen Lebenslauf zu besorgen und ihn ins betreute Wohnen zu bekommen, damit er selbstständig wird“, sagt sie. Das habe geklappt. Auch seien sie es gewesen, die ihn bezüglich des Umwegs über den Mediengestalter zum Spieledesigner beraten und ihm einen zweimonatigen Orientierungskurs organisiert hätten. Jetzt ginge es darum, eine Schule zu finden.

7. FEBRUAR 2012

Mike hat Hunger. Er durfte ein paar Stunden nichts essen, weil er am Morgen beim Zahnarzt war. Er brauchte eine Plombe. Er hätte sich gerne eine weiße besorgt, sagt er. Aber dafür reichte das Geld nicht.

Vor ein paar Tagen hat er beim Sozialgericht Klage eingereicht, weil er immer noch nicht den Satz bekomme, der ihm zustehe. „Derzeit rutsche ich jeden Monat automatisch 60 oder 70 Euro weiter ins Dispo“, sagt er. Würden seine Eltern nicht helfen, käme er gar nicht zurecht.

Ansonsten gibt es wenig konkrete Neuigkeiten. Nächste Woche will er zur Jobagentur am Flughafen Schönefeld. Was es da gibt, weiß er noch nicht. Beim Freiwilligen Sozialen Jahr, für das er sich beworben hatte, ist er in der Auswahl. Aber vor Ende April erfährt er nichts. Von dem Hörgeräteakustiker spricht er nicht mehr. Stattdessen erzählt er, dass bei der Charité gerade Chirurgiemechaniker gesucht würden. Ein Freund seiner Mutter habe ihm das gesagt. Vorgestern ging die Bewerbung raus. Eine neue Aufforderung vom Jobcenter, sich bei einem Industriemechaniker in Münster zu bewerben, hat er hingegen ignoriert.

Seine Bafög-Schulden stottert er nun jeden Monat mit 25 Euro ab. Um ein bisschen Geld zu haben, hilft er Bekannten am Computer, oder führt Schüler durch das Lichtenberger Beratungszentrum. „Man schnorrt sich eben so durch“, sagt er. Aber weil viele seiner Freunde das nicht anders kennen würden, hätten alle Verständnis. Genervt ist er trotzdem. „Man ist unsichtbar, wenn man keine Aufgabe hat“, sagt er.

8. FEBRUAR 2012

Marcel sitzt in seinem Wohnzimmer in Johannisthal auf einem grünen Sofa und beschwert sich. „Der November war schlimm, der Dezember noch schlimmer, aber der Januar hat alles getoppt“, sagt er. Erst habe ihm die Arbeitsagentur eine Mahnung geschickt, die sich später als unbegründet erwies. Dann sei sein Termin für die Eingliederungsvereinbarung abgesagt worden, eine Woche später kam aber ein Brief, in dem ihm vorgeworfen wurde, er habe eben den Termin verschlafen. Es kam dann raus, dass eine Praktikantin vergessen hatte, die Absage einzutragen, sagt er. Kurz danach schickte das Jobcenter die Miete nicht, weil ein Antrag irgendwo zwischen Sozialamt und Jobcenter verloren gegangen sei. Marcel stöhnt genervt. Draußen hält die Straßenbahn 63, drinnen wackelt es.

Marcel wohnt nun schon ein paar Monate hier, trotzdem hat die Wohnung etwas Provisorisches. An den Wänden hängt kein einziges Bild, die Wanne im Bad hat keinen Duschvorhang. In ein paar Wochen muss er aber auch schon wieder raus, dann endet die Bewilligung für das betreute Wohnen. Um eine neue Wohnung habe er sich wegen des ganzen Theaters aber noch nicht gekümmert, sagt er. Das will er mit seiner Betreuerin machen. Die ist aber erst seit ein paar Tagen aus dem Urlaub zurück.

Seine Bewerbung für das Oberstufenzentrum ist auch noch nicht fertig. Morgen will er noch einmal zum Beratungszentrum, in zwei Tagen will er sie abgeben.

Sein alter Job in der Werkstatt fehlt ihm nicht, auch wenn er jetzt mit dem Leerlauf ringt. „Ich würde gerne was machen, aber ich weiß nicht was.“ Aus Langeweile war er kürzlich sogar bei seiner alten Schule. Der Schülerclub soll renoviert werden. Er kann gerne helfen, hieß es. Das wäre doch schön, sagt Marcel. „Wie sehr einem die Schule fehlt, merkt man ja immer erst hinterher.“

6. MÄRZ 2012

„Was kann ich für Sie tun“, fragt der Sachbearbeiter des Jobcenters Lichtenberg. Marcel guckt fragend zurück. Darauf war er jetzt nicht vorbereitet. Will nicht das Amt etwas von ihm? Schließlich wurde er doch eingeladen.

Weil seine zuständige Sachbearbeiterin krank ist und der Termin zweimal verschoben wurde, sitzt er jetzt diesem muskulösen Mann im T-Shirt gegenüber, der sich offensichtlich vorgenommen hat, ihn ein wenig zu fordern. „Es geht um eine neue Eingliederungsvereinbarung“, sagt Marcel schließlich und erzählt, dass er aber keine brauche, weil er sich vor zwei Wochen beim Oberstufenzentrum beworben habe. Er erzählt vom Fachabitur und der Ausbildung zum Mediengestalter. Der Sachbearbeiter hört zu. „Und wenn das nicht klappt?“, fragt er. Gibt es Alternativen? „Nein“, sagt Marcel und man sieht, dass er denkt: „Wozu?“

Der Sachbearbeiter nickt, macht ein paar Notizen. Dann will er wissen, was er denn bis zum Schulstart im September zu tun gedenkt? Marcel erzählt von dem renovierungsbedürftigen Schülerclub, in dem er aber seit Januar nicht mehr war, vom Computerladen, der ihm kein Praktikum geben wollte. „Na, dann gehen Sie doch zu einem anderen Computerladen“, sagt der Sachbearbeiter. Marcel nickt und guckt. „Zu Hause rumsitzen, sei doch das Schlimmste.“ Marcel nickt wieder.

Fünf Minuten später sitzt er neun Stockwerke höher in der Kantine des Jobcenters. Eigentlich müsste er in einer Woche aus seiner Wohnung raus. Doch die Stiftung, die sein betreutes Wohnen organisiert, verhandelt gerade, damit das Jobcenter seine alte Wohnung noch eine Weile übernimmt. Die vier Wohnungsbaugenossenschaften, bei denen er angefragt hat, hätten nichts gehabt, sagt er. Und in der Zeitung habe er auch nichts gefunden. Seine Betreuerin habe ihm gesagt, er solle den Wohnungsteil am Sonntag anschauen. Den hat er aber nicht gefunden. Wie auch? Der Mietmarkt wird sonnabends gedruckt. Weil Marcel sich aber nicht getraut hat, beim Kiosk zu fragen, wartete er drei Wochen, bis er seine Betreuerin wieder sprechen konnte. Am nächsten Samstag will er es jetzt erneut versuchen.

14. MÄRZ 2012

An der Wichtigkeit des Jobs lässt die Frau vom Oberstufenzentrum IMT im tiefen Neukölln keinen Zweifel. „Da hängen Menschenleben dran“, sagt sie. Mike sitzt ihr gegenüber in einem Konferenzzimmer. Er überlegt, sich hier für eine Weiterbildung zum Medizintechniker zu bewerben. Die Frau erzählt von Einstiegsgehältern von bis zu 75 000 Euro. Allerdings müsste er für die Ausbildung mindestens zwölf Monate Berufserfahrung mitbringen, und alle Anstellungen, Praktika und 400-Euro-Jobs zusammengerechnet kommt Mike auf gerade mal sieben. Aber das kriege man schon irgendwie hin bis September. Es klingt, als hätte er die Stelle.

Mike weiß jedoch nicht, ob er sie will. „Vielleicht traue ich mir aber auch nur zu wenig zu“, sagt er, als er eine halbe Stunde später in einem Café sitzt.

Das Jobcenter hat seiner Klage inzwischen stattgegeben. Er bekommt jetzt 598,99 Euro im Monat. „Das Konto ist wieder im Plus“, sagt er und erzählt, dass er seitdem endlich wieder den Kopf frei- habe. In den vergangenen Wochen hat er 15 Bewerbungen verschickt. Acht Absagen hat er aber schon wieder zurück. Die Stelle als Chirurgiemechaniker war schon weg, also habe er danach einfach alles rausgesucht, was so ähnlich klang. Glücklich sieht er trotzdem nicht aus. „Es ist irgendwie frustrierend, dass es nie was gibt, wo man wirklich sagt, das ist top.“

4. APRIL 2012

Marcel kommt ein wenig zu spät. Er hat seine S-Bahn-Station verpasst und musste zurückfahren. Er wirkt etwas entspannter als in den vergangenen Wochen. „Das mit der Wohnung hat funktioniert“, sagt er und beißt in einen Donut. Seine Beraterin in Lichtenberg habe bei einer Wohnungsbaugesellschaft angerufen, die hätten ihm dann eine Wohnung vorgeschlagen. Ein Zimmer in Hohenschönhausen, 5. Stock. „Leider kein Fahrstuhl.“ Zum 1. Mai kann er wohl rein, die Zusage hat er, unterschreiben soll er Ende April. Warum so spät? Er hat nicht gefragt.

Weil er keinen Führerschein hat und auch niemanden, der ihm helfen kann oder will, bringt er jetzt seine Sachen regelmäßig in Kartons zu Onkel und Tante. In Gedanken ist er damit permanent beschäftigt und war deshalb in den vergangenen Wochen weder bei seiner alten Schule noch hat er sich ein Praktikum besorgt. „Wenn mir jemand sagt: ,Mach das’, dann mache ich das. Aber wenn nicht, dann warte ich, bis was passiert.“ Das zu ändern, müsse er erst lernen. Folglich hat er auch von den Projekten, die er gerne machen würde, keins angefangen: weder Programmieren, noch Zeichnen, noch Gitarre spielen. Stattdessen langweilt er sich viel. „Ich schlafe meistens bis elf, zwölf Uhr“, sagt er. Dann geht er einkaufen, besucht Onkel und Tante, sitzt viel am Computer. Manchmal chattet er bis zu zwölf Stunden am Tag. Er guckt etwas verlegen, als er das erzählt. „Ich komme halt mit den Leuten im Netz besser klar als mit den Leuten im echten Leben.“ Vor Ostern hat er jetzt ein bisschen Bammel: Da ist stundenlang keiner online, weil alle mit ihren Familien feiern. Dann muss er los. Erneut zum Oberstufenzentrum. Für seine Bewerbung fehlen noch ein paar Belege.

14. APRIL 2012

Vielleicht liegt es an der neuen Freundin, vielleicht aber auch an der neuen Arbeit. Mike grinst breit. Vor einer Woche hat er als Leiharbeiter bei einer Medizintechnik-Firma angefangen. „Ging plötzlich ganz schnell.“ Das Jobcenter schickte ihm die Adresse einer privaten Vermittlung, die sagte, sie hätte was für ihn. Er stellte sich vor und wurde genommen. Jetzt baut er im Schichtdienst Katheter für Herz- OPs zusammen. Er nimmt dünne Eisenstangen, spannt Folien und ein feinmaschiges Gitter darüber, prüft alles mit dem Mikroskop. „Zigarettendrehen für Fortgeschrittene.“ 77 Stück soll er am Tag schaffen. Sein Rekord liegt bei 40 von den großen und 52 von den kleinen.

Ist okay, sagt er über die erste Woche. „Macht dich nicht kaputt, und die Leute sind nett.“ Ob er bleiben will, hat er aber noch nicht entschieden. Inzwischen hat er die Zusage für die Ausbildung zum Medizintechniker bekommen. Die Arbeit, die er jetzt macht, könne er als die noch fehlende Berufspraxis anrechnen lassen.

Viel lieber aber würde er jetzt doch das Freiwillige Soziale Jahr machen. Vor ein paar Tagen kamen die Angebote. Der Admiralspalast war dabei und ein Jugendtheater. Was er dann genau dort machen würde, weiß er nicht. „Wahrscheinlich Hausmeistertätigkeiten, Technik, so was.“ Seine Mutter war wenig begeistert. Er solle doch jetzt mal richtig arbeiten, findet sie. Mike ist das egal. Genau wie die 350 Euro, die er dann nur bekäme, statt der 900, die er jetzt verdient. Er hat Angst, dass das Soziale Jahr seine letzte Chance ist, etwas über sich herauszufinden, bevor es zu spät ist.

9. MAI 2012

Eigentlich war angedacht, dass das heutige Treffen in Marcels neuer Wohnung stattfindet. Doch daraus wurde nichts. Zwar hat er den Mietvertrag unterschrieben und ist auch aus der alten Wohnung ausgezogen, in der neuen steht allerdings noch nicht mal ein Stuhl. „Ich hab ja keine Möbel, und auf den Antrag auf Geld für eine Erstausstattung gab es noch keine Antwort“, sagt er. Deshalb ist er jetzt erst einmal wieder bei seinem Onkel und seiner Tante eingezogen. Toll finde er das nicht, aber was solle er sonst machen?

Mit dem Umzug kam aber auch wieder der Stress. Marcel hat eine To-do-Liste gemacht: Stromanbieter finden, Haftpflicht beantragen, Internetvertrag kündigen, zum Bürgeramt gehen, Bafög beantragen. Die Bestätigung vom Oberstufenzentrum hat er inzwischen. Man merkt, wie ihn das alles unter Druck setzt. Wo sucht man nach einem Stromanbieter? Woher weiß man, dass der gut ist? „Das geht alles so schnell“, sagt er und erzählt, dass er drei Tage brauchte, um den Dreizeiler für die Kündigung bei seinem Internetanbieter zu formulieren und zu faxen. „Alle erwarten, dass ich das kann, aber mir hat das nie jemand beigebracht.“ Er weiß, dass andere in einer Woche schaffen, wofür er einen Monat braucht.

Nach einem Praktikumsplatz hat er nicht gesucht, bei seiner Schule war er nicht mehr. „Lohnt ja jetzt auch nicht mehr“, sagt er. Jetzt seien ja schon fast Sommerferien. Dann verabschiedet er sich und geht nach Hause. Auf die Post warten: auf die Bewilligung des Geldes für die Möbel.

18. MAI 2012

Mike ist nervös. Eigentlich müsste er heute zusagen, ob er die Weiterbildung zum Medizintechniker antreten möchte. „Aber ich mache das nicht“, sagt er. „Ich bin mir zu unsicher, ob es das Richtige ist.“ Er weiß nicht, warum er immer noch nicht wirklich weiß, was er will. „Aber dafür weiß ich inzwischen wenigstens, was ich nicht will“, sagt er. Ans Fließband zum Beispiel. In diese Richtung entwickele sich aber leider sein derzeitiger Job: Die 77 Katheter pro Schicht schafft er inzwischen locker. Auch der Leiharbeiterstatus nervt ihn. Kürzlich habe man ihm 100 Euro gestrichen, weil er zwei Tage krank war. Aber wie lange er den Job noch hat, weiß er ohnehin nicht. Ende des Jahres soll seine Abteilung in die Schweiz verlagert werden.

Er würde jetzt wirklich gerne das Freiwillige Soziale Jahr machen. Aber von den Stellen, auf die er sich beworben hatte, hat er keine bekommen. Seine Bewerbungen seien nicht aussagekräftig genug gewesen, sagte man ihm. Er will trotzdem nochmal anrufen, ob es nicht doch noch eine Möglichkeit gibt. „Wenn nicht, ja, dann weiß ich auch nicht.“ Es klingt resigniert.

22. MAI 2012

Marcel hebt beim dritten Klingeln ab. Es ist der Anschluss seiner Tante und seines Onkels. Seit drei Wochen hat er jetzt eine neue Wohnung. Aber da fährt er nur hin, um nach der Post zu gucken. Das Geld für die Möbel ist noch nicht bewilligt. Neue könne er sich ohne das nicht leisten. Also schläft er wieder in dem Hochbett in seinem Kinderzimmer. „Geht ja nicht anders.“

Das Amt sagte, man würde sich bald melden. Bis dahin hat er gut zu tun. Der Papierberg wächst, die To-do-Liste ist noch länger geworden. Die arbeitet er jetzt ab. Punkt für Punkt. Langsam. Aber alleine.

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