Arbeitswelt : Jeden Tag reif für Olympia?

Der Suizid Robert Enkes hat auch in Deutschland Diskussionen über die Leistungsgesellschaft entfacht. Der Tagesspiegel sprach mit dem Arbeitssoziologen G. Günter Voß über den Unterschied zwischen Leistung und Erfolg, über Multitasking, die Entgrenzung der Arbeit und die Zunahme von Depressionen.

Herr Voß, der Begriff der „Leistungsgesellschaft“ ist nach dem Suizid Robert Enkes wieder in aller Munde. Was versteht man eigentlich genau darunter?

Der Begriff drückt aus, dass gesellschaftlicher Status und Beteiligung am gesellschaftlichen Reichtum davon abhängen, was die Menschen selbst zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beitragen. Die Grundidee ist, dass der Wohlstand des Einzelnen nicht von der Herkunft oder anderen sogenannten zugeschriebenen Kriterien abhängt, sondern davon, was man an Leistungen beiträgt.

Das klingt zunächst nach einer vergleichsweise gerechten Form der Gesellschaft.

Es ist zumindest eine gerechtere Gesellschaft als die, in der Wohlstand nach Merkmalen wie der Herkunft verteilt wird. Ob die gesellschaftliche Beteiligung tatsächlich allein vom ökonomischen Input des Einzelnen abhängen sollte, ist aber umstritten. Es gilt, auch die zu berücksichtigen, die aus bestimmten Gründen diese Leistung nicht erbringen können. Das Kriterium Leistung kann nicht das einzige Kriterium sein, nach dem bemessen wird, ob Menschen am gesellschaftlichen Wohlstand beteiligt werden. Wenn aus der Leistung eine Ideologie gemacht wird, bekommt dieses Model Schlagseite. Auch lässt sich beobachten, dass Leistung de facto nicht immer das Kriterium ist, nach dem gesellschaftlicher Wohlstand verteilt wird.

Wenn Leistung weniger eine Rolle spielt, was dann?

Seit einiger Zeit kann man beobachten, dass sich verändert, was mit Leistung gemeint ist. Klassischerweise versteht man darunter die Anstrengung, den Aufwand oder die Qualifikationen, die der Einzelne in die Gesellschaft einbringt. Zu beobachten ist, dass im Gegensatz dazu der Nettoerfolg immer wichtiger wird, der unabhängig von Anstrengungen und Input erhoben wird. Erfolg aber hat nicht nur mit Leistung zu tun. Vielmehr spielt auch Glück eine Rolle.

Wie zeigt sich das konkret?

Die Steuerungsmaßnahmen in Betrieben sind immer stärker auf Erfolg ausgelegt. Es zählt nicht mehr, ob sich jemand angestrengt oder wie viel jemand geleistet hat, sondern das Erfüllen von Zielvereinbarungen. Es zählt, wie viel Profit ein Beschäftigter erwirtschaftet hat. Das hat vielfältige Konsequenzen für das Erleben im Betrieb. Viele Berufstätige belastet es, nur am Output gemessen zu werden und nicht daran, wie viel man eingebracht hat.

Eine weitere wichtige Veränderung ist die zunehmende Mobilität, die von Berufstätigen gefordert wird. Welche Auswirkungen hat das?

Das hat vielfältige Auswirkungen. Gefordert wird ja  nicht nur Mobilität im räumlichen Sinne, sondern Flexibilität in jeder Hinsicht. Es wird erwartet, dass die Menschen ihre Arbeitskraft zeit- und ortsunabhängig zur Verfügung stellen. Auch die Art des Geleisteten geht häufig weit darüber hinaus, was die Menschen sich ursprünglich einmal als Beruf vorgestellt haben.

Feste Arbeitszeiten gibt es kaum noch.

Genau. Die klassischen Arbeitszeiten von acht bis siebzehn Uhr, die wir in der Soziologie „Normalarbeitszeit“ nennen, verschwinden immer mehr und zwar auch dort, wo man Normalität noch am ehesten vermuten würde, etwa im Beamtensektor.

Was hat das für Konsequenzen?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnten die Konsequenzen durchaus positiv sein. Mit der Flexibilität der Arbeitszeit könnten mehr Freiräume entstehen. Arbeitskräfte können selbst entscheiden, wann und wo sie arbeiten, etwa zu Hause. Meistens aber passiert etwas anderes. Die Arbeitskräfte stehen unter einem immensen Druck, immer und überall verfügbar zu sein. In Verbindung mit der Erfolgsorientierung, die ich bereits angesprochen habe, entsteht das Gefühl, nie genug gearbeitet zu haben. Daraus folgt schließlich eine immense innere Überforderung. Paradox ist, dass der Druck teilweise selbst erzeugt wird. Die Selbstausbeutung nimmt zu und ist eine häufige Ursache für das, was wir Burn-out nennen.

Warum beuten sich Beschäftigte aus, wenn Sie Ihre Arbeitszeit selbst steuern können?

Es gibt einen immensen Druck durch die wirtschaftlichen Verhältnisse, besonders in Zeiten der Krise. Die Ökonomie steht unter Druck und die Betriebe geben ihn in Form von Leistungsdruck und hohen Anforderungen an Flexibilität und Effizienz an ihre Arbeitskräfte weiter. Hinzu kommt die Arbeitsmarktsituation, die für viele Gruppen problematisch ist. Insgesamt führt die Lage dazu, dass Angst- und Depressionserkrankungen zunehmen. Mein Kollege Rolf Haubl, Geschäftsführender Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, hat diese Erkrankungen als „Leiterkrankungen“ der neuen Wirtschaftsgesellschaft bezeichnet.

Ein Ausdruck dafür sind vielleicht auch die großen Regale für Ratgeberliteratur in den Buchläden.

In letzter Zeit gibt es vor allem verstärkt Ratgeber, die den Menschen versprechen, mit diesem Druck fertig zu werden. In Wirklichkeit verstärken sie die Spannung. Man lernt dann Multitasking und muss immer drei Dinge gleichzeitig machen. Um ein besonders absurdes Beispiel zu nennen: Ein Ratgeber riet Männern, sich schon beim Duschen zu rasieren, um Zeit zu sparen. In der Soziologie wird die Tendenz, die sich auch in den Ratgebern spiegelt, als „self-enhancement“ diskutiert. Die Menschen sollen sich immer fitter machen, um den Anforderungen überhaupt noch gewachsen zu sein. Das fängt an mit Sport und besserer Ernährung, geht über Psychotherapien bis hin zu Medikamentierung. Im Frühjahr hat die deutsche Angestelltenkrankenkasse eine Studie veröffentlicht, die alarmierende Zahlen liefert, wie viele Menschen Psychopharmaka nehmen, um der Arbeitswelt gewachsen zu sein.

Das heißt, die Arbeitszeit wird nicht nur ausgeweitet, sondern auch die Anforderungen an die Effizienz der Beschäftigten steigen.

Selbstverständlich, auch der qualitative Druck ist massiv. Es wird erwartet, dass man olympiareif ist. Aber das ist nicht die Realität. Die meisten Menschen sind einfach normal. Sie haben Krisen, sie haben schlechte Tage, sie werden älter. Die Menschen sind nicht alle Top-Performer.

Wie kann man gegensteuern?

Ich habe das Gefühl, dass die Entwicklung gerade eine Grenze erreicht hat. Auch der Fall Robert Enke zeigt das. Die besondere öffentliche Aufmerksamkeit kam auch dadurch zustande, dass  so viele Menschen nachempfinden konnten, unter welchem Druck Enke stand. Sein Suizid wurde als Reaktion auf die Flexibilisierung der Arbeitswelt empfunden. Damit ist schon ein erster Schritt getan, das Problem gerät in das öffentliche Bewusstsein. Aber auch institutionelle Regulierungen sind nötig. Beschäftigten muss ermöglicht werden, Auszeiten zu nehmen. Da sind auch die Führungskräfte und Personaler in der Verantwortung.

Prof. Dr. G. Günter Voß hat den Lehrstuhl für Industrie- und Techniksoziologie an der Technischen Universität Chemnitz inne. Er ist Vorstandssprecher der Sektion "Arbeits- und Industriesoziologie" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Der Tagesspiegel erreichte ihn in München - zu Hause, und doch auf der Arbeit.

Das Gespräch führte Anna Sauerbrey.



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